Wildbienen in Bayern: 520 Arten, 40 davon ausgestorben
Bayern beherbergt 520 von 580 deutschen Wildbienenarten — also rund 90 % der nationalen Vielfalt auf einem einzigen Bundesland. Diese Zahl klingt beruhigend bis du die Rote Liste anschaust: 40 Arten gelten als ausgestorben oder verschollen, 79 weitere sind vom Aussterben bedroht. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten überhaupt vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.
Wie viele Wildbienenarten leben in Bayern?
Stand der derzeit gültigen Roten Liste (Bayerisches Landesamt für Umwelt, aktualisiert 2021): 521 dokumentierte Bienenarten verteilen sich auf sechs Familien. Die größte Familie sind die Apidae (Echte Bienen, inklusive Hummeln), gefolgt von den Sandbienen (Andrenidae), Mauer- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), Furchenbienen (Halictidae), Seidenbienen (Colletidae) und den seltenen Sägehornbienen (Melittidae). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt in Bayern naturgemäß nicht vor.
Diese 520 Arten sind nicht gleich verteilt: warme Trockenstandorte in Mittelfranken oder Niederbayern beherbergen regelmäßig 200–250 Arten pro Quadratkilometer, während intensiv genutztes Ackerland im Donauraum unter 30 Arten fällt. Die Vielfalt ist also weniger eine Frage der Geografie als der Landnutzung.
Wer ist gefährdet — und warum die Hälfte
Die Rote Liste Bayern für Bienen schlüsselt die 521 Arten so auf:
- 40 Arten (8 %) — ausgestorben oder verschollen, also seit Jahrzehnten kein Nachweis
- 79 Arten (15 %) — vom Aussterben bedroht (RL 1)
- 61 Arten (12 %) — stark gefährdet (RL 2)
- 59 Arten (11 %) — gefährdet (RL 3)
- 37 Arten (7 %) — Vorwarnliste (V)
- 193 Arten (37 %) — ungefährdet
Rechnerisch heißt das: rund die Hälfte aller bayerischen Wildbienenarten steht auf der Roten Liste. Die Ursachen sind nicht spekulativ — sie sind systematisch erfasst und in der LfU-Auswertung explizit benannt: fortschreitender Flächenverbrauch, intensive Landwirtschaft mit Pestiziden und Überdüngung, Verfüllung von Sand- und Lehmgruben, Entfernung von morschem Holz aus der Landschaft, Versiegelung urbaner Brachflächen. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation.
Eine Zahl, die die wirtschaftliche Dimension einordnet: der jährliche Geldwert der Bestäubungsleistung in Deutschland wird auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt — und Wildbienen tragen einen erheblichen Anteil daran, weil sie viele Pflanzen besser bestäuben als die Honigbiene (Mauerbienen z.B. sind 80–300× effektiver pro Individuum bei der Apfelblüte).
Wo leben Wildbienen in Bayern?
75 % aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Wildblumenwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist Hälfte-Lösung. Die übrigen 25 % nisten in Pflanzenhalmen, Mauerritzen, Schneckenhäusern, alten Käferfraßgängen in morschem Holz oder in selbstgebauten Lehmnestern an Felswänden.
Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Bayern sind:
- Halbtrockenrasen der Mittelfränkischen und Mainfränkischen Platte — Kalkmagerrasen mit über 200 Bienenarten auf wenigen Hektar
- Donauauen und Isarmündung — wechselfeuchte Sandbänke und Kiesgruben für spezialisierte Sandbienen
- Streuobstwiesen Oberfrankens und Schwabens — kombiniertes Blüten- und Totholzangebot
- Heideflächen der Oberpfalz — Restbestände der historischen Hutungslandschaft
- Garten- und Siedlungsraum — überraschend artenreich, wenn auch nur Teilersatz für die verlorenen Naturlebensräume
Konkrete Funde pro Gemeinde — von Aschaffenburg bis Garmisch-Partenkirchen — sind im Bayern-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Acht Wildbienenarten, die in Bayern besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Bayern entweder ökologisch besonders prägend oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind.
1. Rostrote Mauerbiene — Osmia bicornis
Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels. Flugzeit März bis Anfang Juni, 10–12 mm, Weibchen fuchsrot. Die «Hummel unter den Solitärbienen» — generalistisch, friedlich, und der erste Erfolg jeder Insektenhotel-Bemühung. In Bayern flächendeckend.
2. Gehörnte Mauerbiene — Osmia cornuta
Etwas größer als die rostrote Schwester (12–15 mm), zwei dunkle Hörnchen am Kopfschild der Weibchen. Wichtige Bestäuberin im Obstbau — eine einzelne Mauerbiene ersetzt rund 80–300 Honigbienen bei Apfelblüten. Flugzeit Ende Februar bis Anfang Juni.
3. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea
Die größte deutsche Biene, bis 28 mm. Schwarz mit metallisch-blau schimmernden Flügeln. Bis vor 30 Jahren in Bayern selten — seitdem profitiert sie vom milderen Klima und ist heute regelmäßig bis München und Regensburg zu beobachten. Flugzeit Februar/März bis Oktober, nistet in Totholz.
4. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva
Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Pflasterritzen. Häufig bei Stachelbeeren, Johannisbeeren, Obstblüten. März bis Mai.
5. Mai-Langhornbiene — Eucera nigrescens
Die Männchen mit auffallend langen Antennen sind im Mai schwer zu übersehen, wenn sie in Suchflügen über Schmetterlingsblütlern schwirren. Strikte Pollenspezialistin — ausschließlich Fabaceae (Wicken, Klee, Esparsette). Stark abhängig von extensiv genutzten Wiesen. RL 3 in Bayern.
6. Frühlings-Pelzbiene — Anthophora plumipes
14–15 mm, pelzig wie eine kleine Hummel. Männchen mit auffälligen langen Haarbüscheln an den Mittelbeinen. Nistet in Steilwänden, Lehmmauern und Sandgruben — in Bayern besonders in den Sandgebieten Mittelfrankens. Bevorzugt Lungenkraut und Lerchensporn als Pollenquelle. März bis Juni.
7. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum
11–18 mm, schwarz mit gelben Seitenflecken (oft mit Wespen verwechselt). Männchen verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen territorialen Verhalten unter Wildbienen. «Wolle» ist namensgebend: die Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um Brutzellen auszupolstern. Juni bis September, aber bayernweit verbreitet.
8. Gemeine Löcherbiene — Heriades truncorum
Klein (6–8 mm) und schwarz mit weißlichen Querbinden. Bewohnt Käferfraßgänge in totholz — der lebende Beleg dafür, warum «aufräumen» im Garten kontraproduktiv ist. Pollenspezialistin auf Korbblütler. Juni bis September.
Was du konkret tun kannst
Die folgenden vier Maßnahmen sind nach Bayern-LfU-Erkenntnis die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit:
- Offene Bodenstellen schaffen. Eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen innerhalb einer Saison — ohne weitere Maßnahme. Der häufigste Fehler im Wildbienengarten ist «zu sauber» — siehe die DIY-Anleitung Insektenhotel für den Boden-Teil, der oft fehlt.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Über 40 % der gefährdeten Arten sind Pollenspezialisten — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten für Bayern.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die Glyphosat-Ersatz-Anleitung listet wirksame mechanische und biologische Alternativen.
Wer in Bayern an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen in Bayern für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU) — führt die Rote Liste, koordiniert das Bayerische Artenschutzzentrum, betreibt Langzeit-Monitoring-Projekte (z.B. «Wildbienen in Dörfern»).
- Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) — größter Naturschutzverband Bayerns, betreibt das Bürgerwissenschafts-Portal «Bayern summt!».
- BUND Naturschutz Bayern — kampagnenfähig, viele lokale Ortsgruppen, gute Einstiegspunkte für Mitmachen.
- LWG Bayern (Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau) — Forschung zur Bestäubungs- leistung im Obst- und Sonderkulturanbau.
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Bayern-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.
Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Holzbiene oder Mai-Langhornbiene — die Sedcards pro Art mit Verwechslungstabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen sind über die Bundesland-Hubs verlinkt.