Welche Wildbienen fliegen im Mai?
Mai ist der artenreichste Monat des deutschen Wildbienenjahres. Frühlingsspezialisten haben ihren Höhepunkt, die ersten Sommerarten erscheinen, und in warmen Lagen überlappen sich beide Gruppen mehrere Wochen lang. Diese Seite ist der Maibogen: wer gerade fliegt, woran du die acht häufigsten Arten erkennst, und welche konkreten Garten- und Balkon-Maßnahmen jetzt einen Effekt haben.
Warum gerade im Mai so viele Arten fliegen
Wildbienen sind in ihrer Aktivitätsphase strikt an Temperatur und Vegetationsstadium gekoppelt. Viele Arten haben sich evolutionär an genau eine bestimmte Blütephase angepasst — sie fliegen nur in den 3–8 Wochen, in denen ihre Pollenpflanze blüht, der Rest des Jahresverlaufs verbringen sie als Larve oder als Imago in Diapause-Ruhe.
Der Mai vereint drei Wellen:
- Auslaufende Frühblüher — Frühlings-Pelzbiene, Frühlings-Seidenbiene, Fuchsrote Sandbiene (eigentlich März/April, in kühleren Jahren bis Mitte Mai)
- Mai-Peak-Arten — Mauerbienen, Mai-Langhornbiene, mehrere Sandbienenarten
- Erste Sommerarten — frühe Hummelköniginnen-Arbeiterinnen, die ersten Furchenbienen
Phänologie ist genauer als der Kalender: Statt «am 1. Mai» eher «mit der Apfelblüte» oder «mit der Eichen-Blattentfaltung». Bei einem späten Frühjahr verschiebt sich der ganze Bogen um zwei bis drei Wochen nach hinten — die Reihenfolge der Arten bleibt aber konstant.
Die acht Mai-Arten, die du sehen wirst
Geordnet nach Wahrscheinlichkeit, sie in einem mitteleuropäischen Garten anzutreffen — von «sehr häufig» nach «mit Glück»:
1. Rostrote Mauerbiene — Osmia bicornis
Flugzeit: Ende März bis Mitte Juni · Größe: 10–12 mm · Familie: Megachilidae
Wenn du nur eine Art im Mai siehst, ist es diese. Weibchen fuchsrot behaart, Männchen schlanker und schwarz mit weißem Gesichtshaar. Besiedelt alles, was 6–9 mm Lochdurchmesser hat — Insektenhotels, Mauerritzen, hohle Pflanzenstängel, sogar verlassene Schneckenhäuser. Generalist beim Pollen, was sie zur erfolgreichsten Wildbiene Deutschlands macht.
2. Gehörnte Mauerbiene — Osmia cornuta
Flugzeit: Ende Februar bis Anfang Juni · Größe: 12–15 mm · Familie: Megachilidae
Größere Schwester der rostroten Mauerbiene. Weibchen mit fuchsrotem Hinterleib und zwei kleinen «Hörnchen» am Kopfschild (Namensgebung). Ende April/Anfang Mai sind die meisten schon mit dem Brutgeschäft fertig — wenn du sie Mitte Mai noch siehst, ist es ein spätes Weibchen beim letzten Pollenflug. Wirtschaftlich enorm wichtig beim Obstanbau.
3. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva
Flugzeit: März bis Mai · Größe: 12–14 mm · Familie: Andrenidae
Die «Vorgarten-Sandbiene». Weibchen mit leuchtend orange-roter Behaarung auf der Oberseite, schwarz darunter. Nistet einzeln in sandigen Bodenstellen — bevorzugt in lichten Rasenflächen, zwischen Pflastersteinen, oder unter Trockenmauern. Im Mai siehst du oft die kleinen Erdhaufen ihrer Brutröhren. Friedlich, kein Stechrisiko.
4. Mai-Langhornbiene — Eucera nigrescens
Flugzeit: Anfang Mai bis Mitte Juli · Größe: 13–15 mm · Familie: Apidae
Die Namensgebung der Saison. Männchen mit extrem langen Antennen (über Körperlänge), Weibchen unauffälliger mit normalen Fühlern. Strikte Pollenspezialistin — sammelt ausschließlich an Schmetterlingsblütlern: Esparsette, Wicken, Klee, Hornklee. Wenn du eine Langhornbiene siehst, weißt du, dass in der Umgebung extensives Grünland mit Leguminosen steht.
5. Blaue Mauerbiene — Osmia caerulescens
Flugzeit: Anfang April bis August · Größe: 7–10 mm · Familie: Megachilidae
Klein, dunkelblau-metallisch glänzend. Eine der wenigen Wildbienenarten mit zwei Generationen pro Jahr — die erste fliegt Anfang Mai. Bewohnt Insektenhotels mit kleineren Bohrungen (4–6 mm). Spezialisiert auf Schmetterlings blütler und Lippenblütler.
6. Frühlings-Pelzbiene — Anthophora plumipes
Flugzeit: März bis Juni · Größe: 14–15 mm · Familie: Apidae
Im Mai schon im Auslauf, aber noch häufig. Wirkt wie eine Hummel im Miniaturformat — dicht pelzig, schwirrender Flug. Männchen mit charakteristischen langen Haarbüscheln an den Mittelbeinen. Liebt Lungenkraut, Lerchensporn, Taubnessel. Nistet in Lehmwänden — wenn du eine Steilwand mit kleinen Löchern siehst, ist sie ein Kandidat.
7. Zweifarbige Sandbiene — Andrena bicolor
Flugzeit: Mitte März bis Ende Mai (1. Generation) · Größe: 8–11 mm · Familie: Andrenidae
Eine der wenigen Sandbienen mit zwei Generationen — die Mai-Tiere sind die erste Welle. Klein, schlank, dunkler Brustkorb mit rötlich-brauner Behaarung. Generalist beim Pollen, daher in jedem Garten mit Blüten möglich.
8. Glockenblumen-Scherenbiene — Chelostoma rapunculi
Flugzeit: Ende Mai bis Juli · Größe: 8–11 mm · Familie: Megachilidae
Eine der elegantesten Mai-Ankömmlinge. Schwarz und schlank, kaum behaart. Hochspezialisiert auf Glockenblumen (Campanula spp.) — wenn du im Mai/Juni Glockenblumen blühen lässt, kommt sie. Sammelt Pollen in einer einzigartigen Haltung: kopfüber tief im Blütenkelch.
Was du im Mai im Garten konkret tun kannst
Mai ist Aktivmonat, nicht Planungsmonat — die Maßnahmen jetzt wirken sofort, weil die Bienen schon fliegen.
- Rasenmähen reduzieren oder ganz pausieren. Löwenzahn, Gänseblümchen, Klee, Weißer Steinklee sind Mai-Trachtquellen für Sandbienen und Furchenbienen. Eine 2-Wochen-Pause beim Mähen reicht.
- Wasserstelle für Bienen anbieten. Flache Schale mit Steinen oder Murmeln als Landemöglichkeit. Mauerbienen brauchen Lehm zum Brutzellen-Bau — ein 30 × 30 cm Lehmfeld neben einer feuchten Stelle reicht.
- Insektenhotel jetzt befüllen (nicht im Herbst). Mai/Juni ist Mauerbienen-Saison. Wenn du erst im September baust, ist der wichtigste Slot vorbei. Lochdurchmesser 3–9 mm, sauber gebohrt, keine Splitter. Details in der Nisthilfen-Anleitung.
- Einen Wildblumen-Streifen für Juni vorbereiten. Mai-Aussaat heimischer Spätsommer-Trachten (Wilde Möhre, Wegwarte, Natternkopf, Färberkamille) sichert die Spätsommer-Bienen — siehe Wildblumen-Streifen-Guide.
- Pestizid-Anwendung jetzt pausieren. Selbst «biologische» Mittel wie Pyrethrum töten Bienen. Im Mai bei voller Bienenaktivität ist jeder Pflanzenschutz-Eingriff besonders schädlich. Mechanische Alternativen in der Glyphosat-Ersatz-Anleitung.
Verwechslungsgefahren im Mai
Drei häufige Fehlbestimmungen, die selbst Hobby-Naturschützer machen:
- Pelzbiene ≠ Hummel. Anthophora plumipes ist im Mai noch da, sieht hummelähnlich aus, fliegt aber deutlich schneller und schwirrender. Hummeln summen tiefer und bewegen sich langsamer zwischen Blüten.
- Garten-Wollbiene ≠ Wespe. Anthidium manicatum hat gelbe Seitenflecken und einen schwarz-gelb gemusterten Hinterleib — wird oft für eine Wespe gehalten. Sie sticht nicht (Männchen haben keinen Stachel, Weibchen stechen nur in Lebensgefahr). Erscheinen tut sie allerdings erst Ende Mai/Juni.
- Mauerbiene ≠ Honigbiene. Honigbienen sind brauner und schlanker, Mauerbienen kompakter und ausgeprägt fuchsrot bzw. dunkelblau. Honigbienen fliegen in Spuren zum Stock, Mauerbienen einzeln und kreuz und quer.
Was kommt nach Mai?
Ab Juni wechselt der Bogen: Sandbienen werden seltener, Furchenbienen, Wollbienen und Hummeln-Arbeiterinnen dominieren. Im Juli erscheinen die ersten echten Sommer-Spezialisten (Glockenblumen-Scherenbiene, Schmalbienen). Der August gehört den Wollbienen und den späten Pollenspezialisten der Korbblütler. Die monatliche Phänologie-Übersicht je Folgemonat wird sukzessive ergänzt — beginnend mit dem Juni-Pendant zu dieser Seite.