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Bienenatlas

Wildbienen in Thüringen: rund 420 Arten, über die Hälfte gefährdet

Aquarell einer männlichen Langhornbiene mit extrem langen Fühlern auf violetter Wicke im Kalkmagerrasen des Kyffhäusers

Thüringen beherbergt rund 420 Wildbienenarten — ein erheblicher Anteil der bundesweit etwa 580 Arten, konzentriert auf das wärmste und trockenste Binnenland Deutschlands. Diese Zahl klingt zunächst beruhigend, bis du die Rote Liste anschaust: über die Hälfte aller in Thüringen vorkommenden Arten ist gefährdet oder bereits verschollen. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten überhaupt vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.

Wie viele Wildbienenarten leben in Thüringen?

Die Datenlage ist gut dokumentiert, aber zweistufig. Die 3. Fassung der Roten Liste der Bienen Thüringens (TLUBN/TMUEN, Bearbeiter Frank Burger, Stand 11/2010) weist 422 dokumentierte Bienenarten für Thüringen aus. Die aktualisierten Roten Listen Thüringens im Naturschutzreport Heft 30 (2021) führen 416 aktuell bekannte Arten — der Unterschied erklärt sich durch geänderte Bewertungskriterien und Wiederfunde, nicht durch einen realen Rückgang um sechs Arten. In beiden Fällen liegt Thüringen also bei rund 420 Arten.

Diese Arten verteilen sich auf die sechs in Deutschland vertretenen Familien der Anthophila: Echte Bienen und Hummeln (Apidae), Sandbienen (Andrenidae), Mauer- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), Furchen- und Schmalbienen (Halictidae), Seiden- und Maskenbienen (Colletidae) sowie die seltenen Sägehorn-, Hosen- und Schenkelbienen (Melittidae). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt in Thüringen — wie überall in Deutschland — naturgemäß nicht vor.

Die Arten sind sehr ungleich verteilt: Die wärmebegünstigten Kalkmagerrasen am Kyffhäuser, im Thüringer Becken und im Saaletal beherbergen eine außergewöhnliche Dichte spezialisierter Arten, während intensiv genutztes Ackerland und versiegelte Siedlungsflächen artenarm bleiben. Thüringen gehört wegen seiner kontinental-trockenen Steppenrasen und Muschelkalk-Trockenhänge zu den bienenreichsten Landschaften Mitteleuropas — die Vielfalt ist also weniger eine Frage der Landesfläche als der erhaltenen Trockenstandorte.

Wer ist gefährdet — und warum über die Hälfte

Die 3. Fassung der Roten Liste (Stand 11/2010) schlüsselt die 422 Arten exakt so auf:

Rechnerisch heißt das: 243 Arten (57,6 %) sind gefährdet — also deutlich mehr als die Hälfte aller thüringischen Wildbienenarten steht auf der Roten Liste. Die aktualisierte Auswertung von 2021 (Naturschutzreport 30) kommt zum gleichen Befund: 43 Arten gelten als ausgestorben oder verschollen, 72 als vom Aussterben bedroht, 61 als stark gefährdet, 56 als gefährdet — zusammen rund 232 Arten (56 %) gefährdet oder verschollen. Nur etwa ein Drittel der Arten verfügt über stabile Populationen.

Die Ursachen sind in der TLUBN-Auswertung explizit benannt und nicht spekulativ: Verbuschung von Offenland, Bebauung und Versiegelung trockener Brachflächen, Beseitigung von stehendem Totholz in Wäldern, Streuobstwiesen und Alleen, zu strenge Mahd und der Verlust von Saum- und Randstrukturen, Insektizid- und Herbizideinsatz sowie intensive Düngung, die pollenliefernde Wildkräuter verdrängt. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation, verschärft durch die Tatsache, dass Thüringens wertvolle Trockenrasen klein und voneinander isoliert sind.

Eine Zahl, die die wirtschaftliche Dimension einordnet: Der jährliche Geldwert der Bestäubungsleistung in Deutschland wird auf zwei bis vier Milliarden Euro geschätzt — und Wildbienen tragen einen erheblichen Anteil daran, weil sie viele Pflanzen effektiver bestäuben als die Honigbiene. Eine einzelne Pelzbiene etwa besucht bis zu 8.800 Blüten pro Tag, mehr als das Doppelte einer Honigbiene.

Wo leben Wildbienen in Thüringen?

Rund 75 % aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Wildblumenwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist eine Halbe-Lösung. Die übrigen Arten nisten in Pflanzenhalmen, Mauerritzen, Felsspalten, Schneckenhäusern, alten Käferfraßgängen in morschem Holz oder in selbstgebauten Lehm- und Mörtelnestern an Felswänden — eine Bauweise, für die Thüringens Muschelkalk- und Gipskarsthänge ideal sind.

Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Thüringen sind:

Konkrete Funde pro Gemeinde — von Erfurt über Jena und Weimar bis Nordhausen — sind im Thüringen-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).

Acht Wildbienenarten, die in Thüringen besonders auffallen

Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Thüringen entweder ökologisch besonders prägend, regionaltypisch oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind. Ausführliche Steckbriefe mit Verwechslungstabellen und Live-Phänologie findest du im Arten-Verzeichnis.

1. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis

Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels. Flugzeit März bis Anfang Juni, 10–12 mm, Weibchen rostbraun behaart, verschließt die Niströhren mit Lehm. Die «Hummel unter den Solitärbienen» — generalistisch, friedlich, und der erste Erfolg jeder Insektenhotel-Bemühung. In Thüringen flächendeckend. Eigener Steckbrief.

2. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea

Die größte deutsche Biene, bis 28 mm, schwarz mit violett schimmernden Flügeln. Laut TLUBN-Auswertung in Thüringen seit etwa 1990 stark in Ausbreitung und heute ungefährdet — sie expandiert besonders in den wärmeren Städten Weida, Zeulenroda, Jena, Erfurt, Weimar und Altenburg. Flugzeit Februar/März bis Oktober, nistet in Totholz. Eigener Steckbrief.

3. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva

Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart auf Thorax und Hinterleib. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Pflasterritzen. Häufig bei Stachelbeeren, Johannisbeeren und Obstblüten. In Thüringen ungefährdet. März bis Mai. Eigener Steckbrief.

4. Gemeine Pelzbiene — Anthophora plumipes

14–15 mm, pelzig wie eine kleine Hummel, einer der ersten Frühlingsflieger (März/April). Männchen mit auffälligen langen Haarbüscheln an den Mittelbeinen. Schwirrt mit langer Zunge an Lungenkraut und Lerchensporn, nistet in Steilwänden und Lehmmauern. Eine einzelne Pelzbiene besucht bis zu 8.800 Blüten pro Tag. Eigener Steckbrief.

5. Langhornbiene — Eucera longicornis

Die Männchen mit körperlangen Fühlern sind im Mai/Juni schwer zu übersehen, wenn sie in Suchflügen über Schmetterlingsblütlern schwirren. Strikte Pollenspezialistin an Fabaceae (Wicken, Platterbsen, Klee). Stark abhängig von extensiv genutzten Wiesen und Säumen — und damit ein guter Indikator für intakte Magerrasen, wie sie Thüringens Trockenstandorte bieten. Eigener Steckbrief.

6. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum

11–18 mm, schwarz mit gelben Seitenflecken (oft mit Wespen verwechselt). Männchen verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen territorialen Verhalten unter Wildbienen, gut am Ziest zu beobachten. «Wolle» ist namensgebend: Die Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um Brutzellen auszupolstern. Juni bis September, thüringenweit verbreitet.

7. Hosenbiene — Dasypoda hirtipes

12–15 mm, unverwechselbar durch die riesigen orangen Sammelbürsten an den Hinterbeinen der Weibchen («Hosen»). Bewohnt warme, offene Sandhabitate und Magerrasen — in Thüringen an den Trockenstandorten und Abbaugruben. Sammelt Pollen an gelben Korbblütlern. Hochsommer (Juli/August). Eigener Steckbrief.

8. Efeu-Seidenbiene — Colletes hederae

Spätester Flieger des Jahres (September/Oktober), fast ausschließlich am blühenden Efeu. 10–13 mm, wespenähnlich gebändert. Profitiert wie die Holzbiene vom milderen Klima und breitet sich nach Norden aus. Ein Beleg dafür, warum spät blühende Pollenquellen für den Saisonabschluss zählen — siehe die Phänologie-Übersicht.

Was du konkret tun kannst

Die folgenden vier Maßnahmen sind nach den in der TLUBN-Auswertung benannten Hauptgefährdungsursachen die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit:

  1. Offene Bodenstellen schaffen. Rund 75 % der Arten nisten im Boden — eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen innerhalb einer Saison, ohne weitere Maßnahme. Der häufigste Fehler im Wildbienengarten ist «zu sauber». Die DIY-Anleitung Sandarium zeigt den oft fehlenden Boden-Teil.
  2. Pollenspezialisten gezielt versorgen. Viele der gefährdeten Arten sind Pollenspezialisten — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten für Thüringer Standorte.
  3. Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
  4. Auf Glyphosat und Insektizide verzichten. Auch im Privatgarten — das «Begiften jeglicher Flächen» steht in der TLUBN-Liste explizit unter den Hauptursachen. Die Anleitung zu RoundUp-Alternativen listet wirksame mechanische und biologische Verfahren.

Wer in Thüringen an Wildbienen forscht und schützt

Die wichtigsten Anlaufstellen in Thüringen für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:

Was diese Seite leistet — und was nicht

Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Thüringen-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.

Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Holzbiene oder Langhornbiene — die Sedcards pro Art mit Verwechslungs­tabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen findest du im Arten-Verzeichnis.