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Bienenatlas

Wildbienen in Schleswig-Holstein: 296 Arten, jede zweite bedroht

Aquarell einer rotbraun behaarten Roten Mauerbiene an einer Obstblüte über der Geest-Knicklandschaft Schleswig-Holsteins mit dem Wattenmeer am Horizont

In Schleswig-Holstein sind 296 Wildbienenarten nachgewiesen — gemessen an den rund 580 Arten bundesweit ist das, für ein flächenkleines Land zwischen zwei Meeren, eine erstaunliche Vielfalt. Diese Zahl klingt beruhigend, bis man die Rote Liste anschaut: über die Hälfte dieser Arten gilt als gefährdet, stark gefährdet oder bereits ausgestorben. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten überhaupt vorkommen, wo sie zwischen Geest, Marsch und Knicks leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.

Wie viele Wildbienenarten leben in Schleswig-Holstein?

Nach übereinstimmender Angabe von NABU Schleswig-Holstein und BUND Schleswig-Holstein kommen im Land 296 Wildbienenarten vor — der BUND formuliert es als «knapp 300 verschiedene Wildbienenarten». Diese Arten verteilen sich auf die sechs in Deutschland vertretenen Bienenfamilien: die Apidae (Echte Bienen, inklusive Hummeln und Holzbienen), die Sandbienen (Andrenidae), die Mauer-, Woll- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), die Furchen- und Schmalbienen (Halictidae), die Seiden- und Maskenbienen (Colletidae) und die seltenen Sägehorn- und Hosenbienen (Melittidae). Die rein australische Familie Stenotritidae kommt in Deutschland — und damit auch in Schleswig-Holstein — naturgemäß nicht vor.

Diese 296 Arten sind nicht gleich verteilt: warme, sandige Trockenstandorte der Geest und alte, strukturreiche Knicklandschaften beherbergen ein Vielfaches der Arten, die intensiv genutztes Marsch-Ackerland trägt. Die Wildbienen-Vielfalt ist in Schleswig-Holstein also weniger eine Frage der Lage als der Landnutzung — ein stark agrarisch geprägtes Land verliert seine Wildbienen vor allem dort, wo Blüten und Nistplätze ausgeräumt werden.

Wer ist gefährdet — und warum jede zweite Art

Die offizielle Bewertung übernimmt das Landesamt für Umwelt (LfU) — seit dem 1. Januar 2023 Nachfolgebehörde des früheren LLUR (Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume). Die maßgebliche «Rote Liste der Wildbienen und Wespen Schleswig-Holsteins» geht auf die Bearbeitung von J. van der Smissen (2001, 1. Fassung, Stand 2000) zurück, herausgegeben vom damaligen Landesamt für Natur und Umwelt.

Das Ergebnis ist eindeutig: über die Hälfte der schleswig-holsteinischen Wildbienenarten steht auf der Roten Liste — NABU SH spricht von «knapp 50 %», der BUND SH von «über die Hälfte». Anders gesagt: jede zweite Art ist gefährdet, stark gefährdet oder bereits aus dem Land verschwunden. Eine belastbare, öffentlich zugängliche Aufschlüsselung in die einzelnen Gefährdungskategorien (ausgestorben/verschollen, vom Aussterben bedroht, stark gefährdet, gefährdet, Vorwarnliste) mit exakten Einzelzahlen liegt für die Wildbienen aus dieser Roten Liste nicht in maschinenlesbarer Form vor — wir geben daher bewusst keine erfundenen Kategoriezahlen an, sondern nur die belegte Gesamtaussage.

Die Ursachen sind nicht spekulativ — sie werden von den Naturschutzbehörden und -verbänden des Landes übereinstimmend benannt: die Beeinträchtigung der Nahrungsräume (immer weniger blütenreiche Flächen) und die Zerstörung der Nistplätze sind laut NABU SH die Hauptgründe für den starken Rückgang. Dazu kommen Intensivlandwirtschaft mit Düngung und Pestiziden, Flächenverbrauch und Bodenversiegelung sowie das Ausräumen sandiger Offenbodenstellen und morschen Holzes aus der Landschaft. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation.

Eine Zahl, die die wirtschaftliche Dimension einordnet: der jährliche Geldwert der Bestäubungsleistung in Deutschland wird auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt — und Wildbienen tragen einen erheblichen Anteil daran, weil sie viele Pflanzen besser bestäuben als die Honigbiene (Mauerbienen z.B. sind 80–300× effektiver pro Individuum bei der Apfelblüte). Der oft zitierte Leitsatz des Wildbienenschutzes bringt es auf den Punkt: Wildbienenschutz nützt immer auch der Honigbiene — umgekehrt gilt das nicht.

Wo leben Wildbienen in Schleswig-Holstein?

Rund drei Viertel aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Blühwiese ohne offene, sandige Bodenstellen ist nur eine Hälfte-Lösung. Der BUND SH beschreibt die heimischen Nistplätze treffend: «oberirdisch in toten Bäumen und Mauerritzen oder unterirdisch im Sand». Die übrigen Arten nisten in Pflanzenstängeln, Käferfraßgängen in morschem Holz, in Schneckenhäusern oder in selbstgebauten Lehmnestern.

Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Schleswig-Holstein sind eng mit der besonderen Landschaft des Landes zwischen Nordsee, Ostsee und Geest verbunden:

Konkrete Funde pro Gemeinde — von Flensburg bis Lübeck, von Kiel bis Neumünster — sind im Schleswig-Holstein-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).

Acht Wildbienenarten, die in Schleswig-Holstein auffallen

Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die im norddeutschen Tiefland und an der Küste entweder ökologisch besonders prägend oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind. Eigene Steckbriefe mit Verwechslungstabellen und Live-Phänologie findest du jeweils über die Arten-Übersicht.

1. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis

Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels und meist der erste Erfolg jeder Nisthilfe. Flugzeit ab März/April, 10–12 mm, Weibchen rostbraun behaart, verschließen ihre Niströhren mit Lehm. Generalistisch, friedlich, in ganz Schleswig-Holstein verbreitet — die ideale Einstiegsart für Garten und Balkon. Steckbrief

2. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva

Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart — auf Thorax und Hinterleib. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen, auch zwischen Pflasterritzen; auf den Sandböden der Geest fühlt sie sich besonders wohl. Häufig an Stachelbeeren, Johannisbeeren und Obstblüten. März bis Mai. Steckbrief

3. Dunkle Erdhummel — Bombus terrestris

Die häufigste Hummel des Landes — kräftig, mit weißer Hinterleibsspitze und gelben Querbinden. Eine der ganz wenigen sozialen Wildbienen: Königinnen sind ab dem Spätwinter unterwegs und gründen Erdnester, oft in verlassenen Mäusebauen. Robust, kältetolerant und damit für das norddeutsche Klima ideal. Steckbrief

4. Ackerhummel — Bombus pascuorum

Orange-braune «Carder»-Hummel, an den schwarzen Haaren zwischen den braunen am Hinterleib erkennbar. Eine der anpassungsfähigsten Hummeln und in der schleswig-holsteinischen Kultur- und Knicklandschaft weit verbreitet — sie nistet oberirdisch in Moos und Grasbüscheln und nutzt ein breites Blütenspektrum bis in den Herbst. Steckbrief

5. Hosenbiene — Dasypoda hirtipes

Eine echte Charakterart der Geest-Sandlebensräume: die Weibchen tragen riesige orange Sammelbürsten an den Hinterbeinen — die namensgebenden «Hosen». Streng an offene, sandige Standorte gebunden, an denen sie ihre Erdnester anlegt. Sammelt Pollen vorwiegend an gelben Korbblütlern. Hochsommer. Steckbrief

6. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum

11–18 mm, schwarz mit gelben Seitenflecken (oft mit Wespen verwechselt). Männchen verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen territorialen Verhalten unter Wildbienen. «Wolle» ist namensgebend: die Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um ihre Brutzellen auszupolstern. Juni bis September, gerne am Ziest und an Lippenblütlern im Garten. Steckbrief

7. Gemeine Pelzbiene — Anthophora plumipes

14–15 mm, pelzig wie eine kleine Hummel und im Flug schwirrend wie ein Kolibri. Ein sehr früher Frühlingsflieger (März/April), der mit langer Zunge an Lungenkraut und Lerchensporn saugt. Nistet bevorzugt in Steilwänden, Lehmfugen und Abbruchkanten — auch an alten Knick-Wällen und Lehmmauern. Steckbrief

8. Efeu-Seidenbiene — Colletes hederae

Der Schlusspunkt des Wildbienenjahres: Sie fliegt erst im September und Oktober und sammelt fast ausschließlich am blühenden Efeu. Eine vergleichsweise junge Art im Norden, die sich mit dem milder werdenden Klima ausbreitet — wer im Herbst blühenden Efeu duldet, hält ihr die letzte Nahrungsquelle des Jahres offen. Steckbrief

Was du konkret tun kannst

Die folgenden vier Maßnahmen sind nach übereinstimmender Einschätzung der Naturschutzverbände die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit — gerade in einem so stark agrarisch geprägten Land wie Schleswig-Holstein zählt jeder blütenreiche, ungestörte Quadratmeter:

  1. Offene Bodenstellen schaffen. Auf den Sandböden der Geest besiedeln Sandbienen eine Sandlinse von 50 × 50 cm oft schon innerhalb einer Saison — ohne weitere Maßnahme. Wie ein dauerhaftes Sandbeet richtig angelegt wird, zeigt die Sandarium-Anleitung.
  2. Pollenspezialisten gezielt versorgen. Viele der gefährdeten Arten sind Pollenspezialisten — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten für Norddeutschland.
  3. Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
  4. Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die Glyphosat-Ersatz-Anleitung listet wirksame mechanische und biologische Alternativen.

Wer in Schleswig-Holstein an Wildbienen forscht und schützt

Die wichtigsten Anlaufstellen im Land für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:

Was diese Seite leistet — und was nicht

Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Schleswig-Holstein-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.

Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Hosenbiene oder Efeu-Seidenbiene — die Steckbriefe pro Art mit Verwechslungs­tabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen findest du in der Arten-Übersicht.