Wildbienen in Sachsen-Anhalt: 422 Arten, 183 davon auf der Roten Liste
In Sachsen-Anhalt sind 422 Wildbienenarten nachgewiesen — das sind rund drei Viertel der etwa 570 bis 580 deutschen Arten, dokumentiert auf einem mittelgroßen Flächenland. Die Zahl ist beachtlich, doch die Rote Liste ist es nicht: 183 dieser 422 Arten (43,4 %) stehen auf der Roten Liste — und mehr als jede zehnte Wildbienenart ist landesweit bereits ausgestorben oder verschollen. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten überhaupt vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.
Wie viele Wildbienenarten leben in Sachsen-Anhalt?
Maßgeblich ist die Rote Liste der Bienen Sachsen-Anhalt (Christoph Saure, 3. Fassung Stand August 2019, herausgegeben 2020 vom Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt — LAU). Sie hält wörtlich fest, dass «die Anzahl der Wildbienenarten Sachsen-Anhalts von 417 […] auf 422 Arten gestiegen ist» — gezählt ohne die Honigbiene, die in dieser Fassung bewusst nicht mehr mitgeführt wird. Diese 422 Arten verteilen sich auf die sechs in Deutschland vertretenen Bienenfamilien — die Apidae (Echte Bienen inklusive Hummeln und Holzbienen), die Sandbienen (Andrenidae), Mauer- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), Furchen- und Schmalbienen (Halictidae), Seiden- und Maskenbienen (Colletidae) und die Sägehorn-, Hosen- und Schenkelbienen (Melittidae). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt in Sachsen-Anhalt — wie in ganz Deutschland — naturgemäß nicht vor.
Die 422 sind ein gut belegter Stand, kein Schätzwert: allein der Bearbeiter hat seit 2013 rund 13.000 Wildbienen aus Sachsen-Anhalt bestimmt, etwa 8.000 davon aus drei großen Projekten in Streuobstwiesen (landesweit), auf Binnendünen (Elbtal) und in montanen Lagen (Ostharz). Die Bilanz gegenüber der vorigen Gesamtartenliste sind acht Zugänge und drei Abgänge — darunter spektakuläre Wiederfunde wie die Graue Lockensandbiene (Andrena nycthemera) 2019. Bei gezielterer Suche, besonders in den faunistisch noch unterkartierten Lagen, sind weitere Nachweise zu erwarten — die 422 ist ein belastbarer Stand, keine Obergrenze.
Wer ist gefährdet — und warum «hohe Verantwortung»
Die Rote Liste Sachsen-Anhalt schlüsselt die 422 Arten in Tabelle 1 («Übersicht zum Gefährdungsgrad der Bienen Sachsen-Anhalts») so auf:
- 46 Arten (10,9 %) — ausgestorben oder verschollen (Kat. 0), seit über 25 Jahren kein Nachweis
- 31 Arten (7,3 %) — vom Aussterben bedroht (Kat. 1)
- 56 Arten (13,3 %) — stark gefährdet (Kat. 2)
- 50 Arten (11,8 %) — gefährdet (Kat. 3)
- 183 Arten (43,4 %) — Rote Liste insgesamt (Kategorien 0 bis 3)
- 37 Arten (8,8 %) — sonstige Kategorien: G (9), D (10) und Vorwarnliste V (18)
«Ausgestorben oder verschollen» heißt in dieser Liste präzise: seit mindestens 25 Jahren nicht mehr nachgewiesen, der letzte Fund also 1994 oder früher. Die Liste benennt die Ursachen nüchtern und ohne Spekulation: für die Gefährdung spielt «die intensive landwirtschaftliche Nutzung mit großflächiger Beseitigung von Klein- und Saumstrukturen sowie mit hohem Dünger- und Pestizideinsatz die wichtigste Rolle». Dazu kommen Überbauung und Versiegelung, die Gehölzsukzession auf Offenflächen und der Klimawandel — der besonders kältetoleranten Arten der montanen Höhenstufe im Harz zusetzt. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang; es ist die Kumulation, und nach Goulson et al. (2015) die kombinierte Belastung aus Parasiten, Pestiziden und Blütenmangel.
Eine wichtige Einordnung zur Methodik, damit die Zahlen nicht falsch gelesen werden: gegenüber der Roten Liste von 2004 ist der Anteil gefährdeter Arten rechnerisch gesunken (damals 263 Arten = 64,9 %, heute 183 = 43,4 %). Die Liste sagt aber selbst unmissverständlich, dass das «keinesfalls bedeutet, dass sich die Gefährdungssituation für Wildbienen in Sachsen-Anhalt verbessert hat» — die Verschiebung beruhe «allein auf einem besseren Verständnis der regionalen Verbreitung der Arten sowie auf einer veränderten Einstufungsmethodik». Es ist also keine Entwarnung, sondern eine genauere Buchführung.
Eine Zahl, die das Gewicht des Landes zeigt: von den 31 in Sachsen-Anhalt vom Aussterben bedrohten Arten sind 26 — das sind 84 Prozent — auch deutschlandweit vom Aussterben bedroht, stark gefährdet oder extrem selten. Die Liste folgert daraus, dass «dem Land Sachsen-Anhalt eine hohe Verantwortung für den Schutz von vielen auch überregional gefährdeten Arten zukommt». Was hier verloren geht, geht oft bundesweit verloren.
Wo leben Wildbienen in Sachsen-Anhalt?
Der überwiegende Teil der Wildbienen nistet im Boden — sie graben ihre Nester selbst in besonnte, offene Erde oder nutzen vorhandene Hohlräume. Das ist die wichtigste Erkenntnis für jede Schutzmaßnahme: eine Blühwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist nur die halbe Lösung. Die oberirdisch nistenden Arten nutzen Höhlungen in Totholz, hohle und markhaltige Pflanzenstängel und Schneckenhäuser oder mörteln ihre Nester an exponierte Steilwände und Felsen. Die Rote Liste nennt deshalb sehr konkrete Strukturen, deren Erhalt «dringend erforderlich» sei.
Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Sachsen-Anhalt sind:
- Porphyrkuppenlandschaft nordwestlich von Halle — blütenreiche Trocken- und Halbtrockenrasen auf flachgründigem Porphyr; das FFH-/Natura-2000-Gebiet beherbergt zahlreiche regional gefährdete Wildbienen und eine floristische Vielfalt, die bundesweit ihresgleichen sucht
- Binnendünen und Sandtrockenrasen im Elbtal — eines der drei Großprojekte des Roten-Liste-Bearbeiters; die offenen, nährstoffarmen Sande sind Lebensraum hochspezialisierter, wärmeliebender Sand- und Erdbienen
- Streuobstwiesen — landesweit — kombiniertes Blüten- und Totholzangebot; gerade die frühen Mauer- und Sandbienen profitieren, und Streuobst ist als wildbienenreiche Landschaft ausdrücklich schützenswert
- Salzlebensräume des Mansfelder Landes und am Süßen/Salzigen See — die seltenen Binnensalzstellen Mitteldeutschlands tragen eine eigene, andernorts kaum vorkommende Spezialistenfauna
- Montane Lagen des Ostharzes — kühl-feuchte, faunistisch noch unterkartierte Standorte mit kältetoleranten Arten, die der Klimawandel am stärksten unter Druck setzt
- Sand-, Kies- und Lehmgruben sowie Felsfluren — die Liste hält Steilwände, vegetationsfreie Bodenstellen und Trockenmauern ausdrücklich als Schlüsselstrukturen für die Nistplatzversorgung fest
Konkrete Funde pro Gemeinde — von Halle und Magdeburg bis Wittenberg, von Wernigerode bis Dessau — sind im Sachsen-Anhalt-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Acht Wildbienenarten, die in Sachsen-Anhalt besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Sachsen-Anhalt entweder ökologisch besonders prägend, im Siedlungsraum gut zu beobachten oder als Rote-Liste-Fall exemplarisch sind.
1. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis
Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels. Flugzeit März bis Anfang Juni, 10–12 mm, Weibchen rostbraun behaart, verschließt die Niströhren mit Lehm. Die «Hummel unter den Solitärbienen» — generalistisch, friedlich, und der erste Erfolg jeder Insektenhotel-Bemühung. In Sachsen-Anhalt ungefährdet und flächendeckend. Steckbrief Rote Mauerbiene.
2. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea
Die größte heimische Biene, bis 28 mm, schwarz mit violett schimmernden Flügeln. Die Rote Liste führt sie ausdrücklich als Beispiel für eine Art mit «eindeutig positivem Bestandstrend»: 2004 noch als vom Aussterben bedroht eingestuft, gilt sie heute als ungefährdet — sie profitiert vom milderen Klima und breitet sich nach Norden aus. Flugzeit Februar/März bis Oktober, nistet in Totholz. Steckbrief Blauschwarze Holzbiene.
3. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva
Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart — auf Thorax und Hinterleib. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen, auch zwischen Pflasterritzen. Häufig an Stachelbeeren, Johannisbeeren und Obstblüten. März bis Mai. Steckbrief Fuchsrote Sandbiene.
4. Gemeine Pelzbiene — Anthophora plumipes
14–15 mm, pelzig wie eine kleine Hummel, im schwirrenden Suchflug schon im März/April unterwegs. Männchen mit auffälligen langen Haarbüscheln an den Mittelbeinen. Nistet in Steilwänden, Lehmmauern und Sandgruben — also genau den Strukturen, die die Rote Liste als Schlüssel für die Nistplatzversorgung nennt. Bevorzugt Lungenkraut und Lerchensporn als Pollenquelle. Steckbrief Gemeine Pelzbiene.
5. Langhornbiene — Eucera longicornis
Die Männchen mit körperlangen Fühlern sind im Mai/Juni schwer zu übersehen. Strikte Pollenspezialistin an Schmetterlingsblütlern (Wicken, Platterbsen, Klee) — und damit stark von extensiv genutzten, blütenreichen Wiesen abhängig, genau jenen Lebensräumen, deren Erhalt die Rote Liste anmahnt. Ein Lehrstück dafür, wie eng Wildbienen an bestimmte Pflanzenfamilien gebunden sein können. Steckbrief Langhornbiene.
6. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum
11–18 mm, schwarz mit gelben Seitenflecken (oft mit Wespen verwechselt). Männchen verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen ausgeprägt territorialen Verhalten unter Wildbienen. «Wolle» ist namensgebend: die Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um ihre Brutzellen auszupolstern. Juni bis September, im Siedlungsraum von Halle bis Magdeburg gut zu beobachten. Steckbrief Garten-Wollbiene.
7. Steinhummel — Bombus lapidarius
Schwarz mit leuchtend rotem Hinterleibsende, eine der am leichtesten erkennbaren Hummeln. Volksbildende Art, die alte Mäusenester, Steinhaufen und Hohlräume unter Steinen nutzt — also genau die Strukturen, die auf den Trockenrasen und Felsfluren Sachsen-Anhalts reichlich vorhanden sind. Flugzeit März bis Oktober, breit polylektisch und im ganzen Land verbreitet.
8. Hosenbiene — Dasypoda hirtipes
Erkennbar an den riesigen orangen Sammelbürsten («Hosen») an den Hinterbeinen der Weibchen. Wärme- und sandliebende Erdnisterin — typische Bewohnerin der Binnendünen, Sandtrockenrasen und Sandgruben Sachsen-Anhalts. Pollenspezialistin auf Korbblütler. Hochsommerflieger Juli bis September.
Was du konkret tun kannst
Die folgenden vier Maßnahmen setzen direkt an den in der Roten Liste Sachsen-Anhalt benannten Gefährdungsursachen an, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit:
- Offene, sandige Bodenstellen schaffen. Da der weitaus größte Teil der Wildbienen im Boden nistet, ist nackter, besonnter Boden die knappste Ressource. Eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen oft schon innerhalb einer Saison — siehe die DIY-Anleitung Sandarium.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Die Liste zeigt: gerade oligolektische Arten tragen das Gefährdungsrisiko, weil sie auf bestimmte Pflanzenfamilien angewiesen sind. Ein heimischer Blühstreifen mit den richtigen Trachten erreicht sie, wo eine bunte Mischung aus dem Baumarkt versagt. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die passenden heimischen Pflanzenfamilien.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert — und erreicht die oberirdisch nistenden Arten.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die in der Liste als wichtigste Ursache genannte Strukturverarmung und Pestizidbelastung beginnt nicht erst auf dem Acker. Die Anleitung für glyphosatfreie Unkrautbekämpfung listet wirksame mechanische und biologische Methoden.
Wer in Sachsen-Anhalt an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen in Sachsen-Anhalt für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (LAU) — Herausgeber der Roten Listen Sachsen-Anhalt (Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt) und damit der maßgeblichen Landesquelle zur Wildbienenfauna; koordiniert das landesweite Naturschutz-Monitoring.
- NABU Sachsen-Anhalt — größter Naturschutzverband im Land; betreibt Schutzprojekte und bietet viele lokale Gruppen als Einstiegspunkte zum Mitmachen.
- BUND Sachsen-Anhalt — kampagnenfähig, mit eigenen Insekten- und Wildbienen-Themen und zahlreichen Ortsgruppen.
- Hochschule Anhalt (Bernburg) — mehrere ausgewertete Wildbienen-Arbeiten flossen in die Rote Liste ein; Forschung und Lehre zu Naturschutz und Landschaftsentwicklung.
- Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg — die Arbeitsgruppe um Prof. R. Paxton (Allgemeine Zoologie) forscht zu Wildbienen, Bestäubung und Bienengesundheit.
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Sachsen-Anhalt-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.
Ein ehrlicher Hinweis zur Aktualität: die zitierten Landeszahlen stammen aus der derzeit gültigen Roten Liste der Bienen Sachsen-Anhalt (3. Fassung, Stand August 2019, veröffentlicht 2020 durch das LAU). Sie ist die belastbarste verfügbare Landesquelle. Wo neuere Fundmeldungen vorliegen, zeigt sie das Live-Dashboard — die statische Liste ist die Untergrenze, nicht der letzte Stand. Eine Übersicht aller kuratierten Arten findest du im Arten-Verzeichnis.