Wildbienen im Saarland: 213 nachgewiesene Arten — und keine volle Rote Liste
Im Saarland sind 213 Wildbienenarten nachgewiesen — bei bundesweit rund 585 Arten also ein respektabler Anteil auf Deutschlands kleinstem Flächenland, getragen vom milden Klima und einer ungewöhnlichen Dichte an Muschelkalk-Trockenrasen und Streuobst. Die unbequeme Zahl steht daneben: Das Saarland ist eines von nur vier Bundesländern ohne offizielle, aktuelle Rote Liste der Wildbienen. Was existiert, ist eine Gesamtartenliste von 2020 — und für 187 der 213 Arten reichten die Daten nicht einmal für eine Gefährdungsbeurteilung. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.
Wie viele Wildbienenarten leben im Saarland?
Die belastbare Zahl lautet 213 nachgewiesene Bienenarten. Sie stammt aus der „Gesamtartenliste der Wildbienen (Anthophila) des Saarlandes" (Weigand, Michely & Werno 2020), herausgegeben vom saarländischen Umweltministerium gemeinsam mit der Naturforschenden Gesellschaft DELATTINIA. Wörtlich heißt es dort, die Liste beschreibe „die bisher hier nachgewiesenen 213 von bundesweit 585 Wildbienenarten". Diese 213 verteilen sich auf sechs Familien: die größte sind die Apidae (Echte Bienen, inklusive Hummeln), gefolgt von den Sandbienen (Andrenidae), Mauer- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), Furchenbienen (Halictidae), Seidenbienen (Colletidae) und den seltenen Sägehornbienen (Melittidae). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt im Saarland naturgemäß nicht vor.
Wichtig zur Einordnung: Die 213 ist eine gewachsene Mindestzahl, kein abgeschlossener Zensus. Im LIFE-Projekt „Insektenfördernde Regionen" wurden allein in jüngerer Zeit 33 für das Saarland neue Arten nachgewiesen — viele davon Klima-Profiteure, die aus Lothringen, Luxemburg, dem Elsass und Rheinland-Pfalz einwandern. Der reale Artenbestand liegt also höher als die offizielle Checkliste von 2020 ausweist. Verteilt sind die Arten ohnehin nicht gleichmäßig: warme Trockenstandorte auf Muschelkalk beherbergen ein Vielfaches der Arten, die ein intensiv genutzter Acker oder ein reiner Fichtenforst trägt. Vielfalt ist weniger eine Frage der Geografie als der Landnutzung.
Warum es im Saarland keine volle Rote Liste gibt
Hier wird es ehrlich unangenehm: Das Saarland ist eines von nur vier Bundesländern (neben Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz), die keine vollwertige, amtliche Rote Liste der Wildbienen führen. Die Liste von 2020 bezeichnet sich selbst als „Erweiterte Checkliste, Rote Liste (p.p.)" — pro parte, also nur teilweise als Rote Liste. Der Grund ist nicht Nachlässigkeit, sondern Datenmangel: Für die meisten Arten lagen schlicht zu wenige Nachweise vor, um die Gefährdung fachlich belastbar zu beurteilen.
Die Zahlen der Checkliste machen das schonungslos deutlich:
- 26 Arten (12,2 %) — überhaupt bewertbar; zusammengefasst als „Rote Liste insgesamt"
- 187 Arten (87,8 %) — Kategorie „D — Daten unzureichend": gar nicht beurteilbar
- 7 Arten — ausgestorben oder verschollen (Kat. 0)
- 9 Arten — vom Aussterben bedroht (Kat. 1)
- 1 Art stark gefährdet (Kat. 2), 1 Art gefährdet (Kat. 3), 2 Arten Gefährdung unbekannten Ausmaßes, 6 Arten extrem selten (R)
Diese Zahlen sehen auf den ersten Blick „besser" aus als die rund 50 % Gefährdung in Bayern oder Baden-Württemberg — das ist aber ein Trugschluss. Sie spiegeln keine gesunde Bienenfauna, sondern eine Datenlücke: Wo 87,8 % der Arten als „nicht beurteilbar" gelten, kann man schlicht nicht sagen, wie vielen es schlecht geht. Wer behauptet, „nur 12 Prozent der saarländischen Wildbienen sind bedroht", liest die Statistik falsch. Genau diese Lücke ist der Grund, warum belastbare Fundmeldungen pro Gemeinde (über GBIF, naturgucker, iNaturalist) so wertvoll sind: sie sind das, was wir an realen Daten haben.
Die Ursachen des Rückgangs sind dennoch nicht spekulativ — sie sind bundesweit systematisch erfasst: fortschreitender Flächenverbrauch, intensive Landwirtschaft mit Pestiziden und Überdüngung, Verfüllung von Sand- und Lehmgruben, Entfernung von morschem Holz aus der Landschaft, Versiegelung urbaner Brachflächen. Im stark verstädterten und einst bergbaugeprägten Saarland kommt eine Besonderheit hinzu: Viele wertvolle Lebensräume liegen heute auf Bergbaufolgeflächen — und deren Sicherung ist alles andere als selbstverständlich. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation.
Wo leben Wildbienen im Saarland?
Rund drei Viertel aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Wildblumenwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist Hälfte-Lösung. Die übrigen nisten in Pflanzenhalmen, Mauerritzen, Schneckenhäusern, alten Käferfraßgängen in morschem Holz oder in selbstgebauten Lehmnestern an Steilwänden. Das Saarland spielt dabei eine Stärke aus, die es kaum anderswo so dicht gibt: die Kombination aus warmen Muschelkalk-Hängen, alten Streuobstwiesen und rohbodenreichen Bergbaufolgeflächen.
Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume im Saarland sind:
- Muschelkalk-Trockenrasen und Halbtrockenrasen — die Kalkmagerrasen über dem Muschelkalk im Süden und Osten des Landes zählen zu den artenreichsten Wildbienen-Refugien des Saarlandes; warm, blütenreich und rohbodenoffen.
- Biosphärenreservat Bliesgau (UNESCO) — sanfthügelige Streuobstlandschaft, artenreiche Trockenrasen und eine intakte Auenlandschaft; hier wurden im LIFE-Projekt mehrere bundesweit seltene Arten neu nachgewiesen.
- Bergbaufolgelandschaften und Bergehalden — ehemalige Abraumhalden und Industriebrachen bieten offene, sonnenheiße Rohböden und Pionierflora; eine saarlandtypische Ersatzheimat für sandliebende Arten.
- Warndt — das grenznahe Wald-Offenland-Mosaik im Westen mit besonnten Säumen, Lichtungen und ehemaligen Bergbauflächen.
- Streuobstwiesen — kombiniertes Blüten- und Totholzangebot; das Saarland hat eine starke Streuobsttradition, die NABU-Gruppen seit den 1980er-Jahren aktiv erhalten.
- Garten- und Siedlungsraum — im dicht besiedelten Saarland überraschend artenreich, wenn auch nur Teilersatz für die verlorenen Naturlebensräume.
Konkrete Funde pro Gemeinde — von Saarbrücken über Homburg bis Merzig — sind im Saarland-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Fünf Wildbienenarten, die im Saarland besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in den warmen Trockenstandorten und Streuobstwiesen des Saarlandes entweder ökologisch besonders prägend oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind. Jede hat auf dieser Plattform einen eigenen Steckbrief mit Verwechslungstabelle, Live-Phänologie und Quellen.
1. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea
Die größte deutsche Biene, bis 28 mm, schwarz mit metallisch-blau schimmernden Flügeln. Eine klare Klima-Gewinnerin: Im wärmebegünstigten Saarland gehört sie heute zu den regelmäßig beobachteten Arten und nistet in Totholz, etwa in alten Obstbäumen der Streuobstwiesen und morschen Zaunpfählen. Flugzeit Februar/März bis Oktober. Steckbrief Holzbiene.
2. Gelbbinden-Furchenbiene — Halictus scabiosae
Eine mediterrane Art, die sich von Süden her ausbreitet — und im warmen Saarland ideale Bedingungen findet. Erkennbar an der ersten, deutlich breiteren hellen Hinterleibsbinde. Bewohnt offene, besonnte Böschungen und Muschelkalk-Trockenrasen, oft in lockeren Nest-Aggregationen. Ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Bienenfauna mit dem Klima verschiebt. Steckbrief Gelbbinden-Furchenbiene.
3. Hosenbiene — Dasypoda hirtipes
Unverwechselbar durch die riesigen orangefarbenen Sammelbürsten an den Hinterbeinen der Weibchen — die „Hosen". Strikte Sandbewohnerin, die offene Bodenstellen zum Nisten braucht; die rohbodenreichen Bergbaufolgeflächen des Saarlandes sind dafür ein klassischer Ersatzlebensraum. Pollenspezialistin auf gelbe Korbblütler. Flugzeit Hochsommer (Juli bis September). Steckbrief Hosenbiene.
4. Glockenblumen-Scherenbiene — Chelostoma rapunculi
Schlank-walzenförmig und schwarz, streng oligolektisch: Sie sammelt Pollen ausschließlich an Glockenblumen (Campanula). Auf den blütenreichen Halbtrockenrasen und Säumen des Bliesgaus und der Muschelkalk-Hänge findet sie ihre Tracht — und macht zugleich anschaulich, warum Pollenspezialisten so verwundbar sind: fehlt die eine Pflanzenfamilie, fehlt die Biene. Flugzeit Juni bis August. Steckbrief Glockenblumen-Scherenbiene.
5. Efeu-Seidenbiene — Colletes hederae
Die spätest fliegende Wildbiene überhaupt: September bis Oktober, wenn fast alles andere vorbei ist. Fast ausschließlich auf blühenden Efeu spezialisiert. Erst seit wenigen Jahrzehnten aus dem Mittelmeerraum eingewandert und im milden Saarland inzwischen verbreitet — sie nistet in großen Aggregationen in besonnten, sandig-lehmigen Böschungen. Steckbrief Efeu-Seidenbiene.
Was du konkret tun kannst
Die folgenden vier Maßnahmen sind die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit — und passen besonders gut zur saarländischen Landschaft aus Muschelkalk-Trockenrasen, Streuobst und offenen Bergbaufolgeflächen:
- Offene Bodenstellen und Sand schaffen. Eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen innerhalb einer Saison — im warmen Saarland oft schon im ersten Sommer. Der häufigste Fehler im Wildbienengarten ist «zu sauber». Die DIY-Anleitung Sandarium zeigt den Bodenteil, der den meisten Nisthilfen fehlt.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Ein großer Teil der gefährdeten Arten ist oligolektisch — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten und am Streuobst-Rand. Die Übersicht der Alternativen zu Glyphosat listet wirksame mechanische und biologische Methoden.
Wer im Saarland an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen im Saarland für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- Ministerium für Umwelt, Klima, Mobilität, Agrar und Verbraucherschutz (MUKMAV) — oberste Naturschutzbehörde des Landes und Mitherausgeber der Roten Listen des Saarlandes.
- Zentrum für Biodokumentation (ZfB), Landsweiler-Reden — die zentrale faunistische Sammlung und Dokumentationsstelle des Landes; verwahrt eine umfangreiche, noch nicht vollständig ausgewertete Wildbienen-Sammlung.
- DELATTINIA (Naturforschende Gesellschaft des Saarlandes) — die fachliche Schlüsselgesellschaft für die saarländische Faunistik; gibt die Roten Listen und die Wildbienen-Gesamtartenliste mit heraus.
- NABU Saarland — größter Naturschutzverband im Land, seit den 1980er-Jahren aktiv im Streuobst- und Wildbienenschutz; bietet praktische Garten- und Mitmach-Angebote.
- BUND Saar — kampagnenfähig, Partner in der Biodiversitäts- und Insektenschutzarbeit des Landes.
- Förderverein Biosphäre Bliesgau — koordiniert Naturschutz- und Vermarktungsprojekte im UNESCO-Biosphärenreservat, dem wildbienenreichsten Teil des Saarlandes.
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Saarland-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik. Das ist gerade im Saarland entscheidend, wo eine vollwertige amtliche Rote Liste fehlt und 87,8 % der Arten als „Daten unzureichend" gelten: reale Fundmeldungen schlagen veraltete Schätzungen.
Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Holzbiene oder Efeu-Seidenbiene — führt der Arten-Hub zu den Steckbriefen mit Verwechslungstabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen.