Wildbienen in Nordrhein-Westfalen: 364 Arten, 45 davon ausgestorben
In Nordrhein-Westfalen sind 364 Wildbienenarten dokumentiert — bei rund 580 Arten bundesweit also etwa zwei Drittel der deutschen Vielfalt auf dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Die offizielle Landesbilanz ist ernüchternd: 45 Arten gelten bereits als ausgestorben oder verschollen, 50 weitere sind vom Aussterben bedroht, 37 sind stark gefährdet. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten überhaupt vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.
Wie viele Wildbienenarten leben in Nordrhein-Westfalen?
Die maßgebliche Quelle ist die Rote Liste und Gesamtartenliste der Wildbienen und Wespen Nordrhein-Westfalens (Esser, Fuhrmann & Venne, erschienen 2010, herausgegeben über das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW). Sie weist für Nordrhein-Westfalen 364 Wildbienenarten aus, verteilt auf sechs Familien. Die größte Familie sind die Apidae (Echte Bienen, inklusive Hummeln), gefolgt von den Sandbienen (Andrenidae), Mauer- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), Furchen- und Schmalbienen (Halictidae), Seiden- und Maskenbienen (Colletidae) und den seltenen Sägehorn-, Hosen- und Schenkelbienen (Melittidae). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt in NRW naturgemäß nicht vor.
Diese 364 Arten sind nicht gleich verteilt: warme, sandige Standorte am Niederrhein oder in der Senne beherbergen regelmäßig über 50 Bienenarten pro Untersuchungsfläche, während ausgeräumtes, intensiv genutztes Ackerland in der Köln-Aachener und Soester Börde deutlich darunter bleibt. Die Vielfalt ist also weniger eine Frage der Geografie als der Landnutzung.
Wer ist gefährdet — und warum über die Hälfte
Die offizielle Landesbilanz (umwelt.nrw.de, Artenhilfsprogramm Wildbienen) fasst die Lage so zusammen:
- 45 Arten — ausgestorben oder verschollen, also seit Jahrzehnten kein gesicherter Nachweis
- 50 Arten — vom Aussterben bedroht (RL 1)
- 37 Arten — stark gefährdet (RL 2)
- weitere Arten — gefährdet (RL 3) sowie auf der Vorwarnliste (V); die Rote Liste schlüsselt diese Kategorien einzeln auf, die genauen Stückzahlen geben wir hier bewusst nicht ungeprüft wieder
Rechnerisch heißt das schon mit den belegten Kategorien: weit über ein Drittel aller nordrhein-westfälischen Wildbienenarten ist ausgestorben oder akut bedroht — zählt man die gefährdeten Arten und die Vorwarnliste hinzu, steht über die Hälfte des Artenbestands auf der Roten Liste. Die Ursachen sind nicht spekulativ — sie sind in der LANUV-Auswertung und im Artenhilfsprogramm des Landes explizit benannt: intensive Landwirtschaft mit Pestiziden und Überdüngung, fortschreitender Flächenverbrauch und Versiegelung, Verlust blütenreicher Wildpflanzen, Verfüllung von Sand- und Kiesgruben, Entfernung von morschem Holz aus der Landschaft. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation.
Eine Zahl, die die wirtschaftliche Dimension einordnet: der jährliche Geldwert der Bestäubungsleistung in Deutschland wird auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt — und Wildbienen tragen einen erheblichen Anteil daran, weil sie viele Pflanzen besser bestäuben als die Honigbiene (Mauerbienen z.B. sind 80–300× effektiver pro Individuum bei der Apfelblüte).
Wo leben Wildbienen in Nordrhein-Westfalen?
Rund drei Viertel aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Wildblumenwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist Hälfte-Lösung. Die übrigen Arten nisten in Pflanzenhalmen, Mauerritzen, Schneckenhäusern, alten Käferfraßgängen in morschem Holz oder in selbstgebauten Lehmnestern an Steilwänden. Gerade die offenen Sandböden, die viele NRW-Arten brauchen, sind im dicht besiedelten Land selten geworden.
Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Nordrhein-Westfalen sind:
- Niederrheinische Sandlandschaft — offene, sandige Böden; ein dokumentierter Hotspot mit Sandbienen (Andrena), Maskenbienen und der Blauschwarzen Holzbiene
- Senne (Ostwestfalen) — Heide- und Sandflächen mit besonders hoher Artendichte; einer der Schwerpunkträume mit über 50 Arten pro Fläche
- Kalkmagerrasen der Eifel und des Weserberglands — Halbtrockenrasen, die spezialisierte Wildbienen und ihre Trachtpflanzen beherbergen
- Heiden und Moore des westlichen Münsterlandes — Restbestände nährstoffarmer Offenlandschaft
- Abgrabungen und Bergbaufolgelandschaften im Ruhrgebiet und am Niederrhein — Kies-, Sand- und Tongruben sowie Halden werden zu wertvollen Sekundärlebensräumen; in der Dellbrücker Heide bei Köln wurden auf einer durch Kiesabbau entstandenen Fläche rund 80 Wildbienenarten nachgewiesen
- Garten- und Siedlungsraum — überraschend artenreich, wenn auch nur Teilersatz für die verlorenen Naturlebensräume
Konkrete Funde pro Gemeinde — von Aachen bis Bielefeld, von Köln bis Minden — sind im NRW-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Acht Wildbienenarten, die in NRW besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Nordrhein-Westfalen entweder ökologisch besonders prägend oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind.
1. Rostrote Mauerbiene — Osmia bicornis
Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels und am Niederrhein ausdrücklich als „besonders häufig" dokumentiert. Flugzeit März bis Anfang Juni, 10–12 mm, Weibchen fuchsrot. Die «Hummel unter den Solitärbienen» — generalistisch, friedlich, und der erste Erfolg jeder Insektenhotel-Bemühung. In NRW flächendeckend. Steckbrief Rostrote Mauerbiene.
2. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva
Die «Frühlingsbiene des Vorgartens» und typische Vertreterin der niederrheinischen Sandlandschaft. 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Pflasterritzen. Häufig bei Stachelbeeren, Johannisbeeren, Obstblüten. März bis Mai. Steckbrief Fuchsrote Sandbiene.
3. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea
Die größte deutsche Biene, bis 28 mm. Schwarz mit metallisch-blau schimmernden Flügeln. Lange eine südliche Seltenheit — seitdem profitiert sie vom milderen Klima und ist heute in NRW regelmäßig bis ins Rheinland und Ruhrgebiet zu beobachten. Flugzeit Februar/März bis Oktober, nistet in Totholz. Steckbrief Blauschwarze Holzbiene.
4. Gemeine Maskenbiene — Hylaeus communis
Klein (5–7 mm), schwarz, fast unbehaart, mit auffälliger gelb-weißer Gesichtsmaske — am Niederrhein ein charakteristischer Vertreter. Transportiert Pollen im Kropf (nicht außen), nistet in hohlen Stängeln und Fraßgängen. Ein dankbarer Gast an Nisthilfen mit dünnen Halmen. Juni bis September. Steckbrief Gemeine Maskenbiene.
5. Glockenblumen-Scherenbiene — Chelostoma rapunculi
Schlank-walzenförmig und schwarz; eine strikte Pollenspezialistin, die ausschließlich Glockenblumen (Campanula) besucht. Sie macht anschaulich, warum Spezialisten an ihre Trachtpflanze gebunden sind: fehlt die Glockenblume, fehlt die Biene. Nistet in Halmen und Käferfraßgängen, Juni bis August. Steckbrief Glockenblumen-Scherenbiene.
6. Frühlings-Pelzbiene — Anthophora plumipes
14–15 mm, pelzig wie eine kleine Hummel. Männchen mit auffälligen langen Haarbüscheln an den Mittelbeinen. Nistet in Steilwänden, Lehmmauern und Sandgruben — in NRW besonders entlang der sandigen Niederrhein-Standorte. Bevorzugt Lungenkraut und Lerchensporn als Pollenquelle. März bis Juni.
7. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum
11–18 mm, schwarz mit gelben Seitenflecken (oft mit Wespen verwechselt). Männchen verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen territorialen Verhalten unter Wildbienen. «Wolle» ist namensgebend: die Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um Brutzellen auszupolstern. Juni bis September, in NRW im Siedlungsraum verbreitet.
8. Vierbindige Furchenbiene — Halictus quadricinctus
Eine der größten heimischen Furchenbienen mit vier hellen Binden am Hinterleib. In Nordrhein-Westfalen gilt sie als vom Aussterben bedroht — ein konkretes Beispiel dafür, wie eng manche Arten an warme, offene Magerstandorte gebunden sind. Sie steht stellvertretend für die Arten, die im NRW-Verbreitungsbild bereits stark zurückgedrängt sind.
Was du konkret tun kannst
Die folgenden vier Maßnahmen sind nach den Erkenntnissen des NRW-Artenhilfsprogramms die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit:
- Offene Bodenstellen schaffen. Eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen innerhalb einer Saison — ohne weitere Maßnahme. Gerade in NRW, wo offener Sandboden selten geworden ist, ist das die wirksamste Einzelmaßnahme. Wie ein dauerhaftes Sandbeet angelegt wird, zeigt die DIY-Anleitung Sandarium.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Ein erheblicher Teil der gefährdeten Arten sind Pollenspezialisten — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere (die Glockenblumen-Scherenbiene ist ein Lehrbuchbeispiel). Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die Anleitung zu RoundUp-Alternativen listet wirksame mechanische und biologische Verfahren.
Wer in NRW an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen in Nordrhein-Westfalen für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV/LANUK) — führt die Rote Liste, koordiniert das landesweite Arten-Monitoring und stellt die Naturschutzinformationen NRW bereit.
- Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr NRW — verantwortet das Artenhilfsprogramm Wildbienen (Nisthilfen, regionale Wildpflanzen-Saatgut, Lebensraumaufwertung im Vertragsnaturschutz).
- NABU NRW — größter Naturschutzverband des Landes mit vielen lokalen Gruppen und Wildbienen-Projekten (u.a. im Münsterland), gute Einstiegspunkte zum Mitmachen.
- BUND NRW — kampagnenfähig, viele Kreisgruppen, Praxisarbeit zu Insekten- und Wildbienenschutz.
- Stiftung Westfälische Kulturlandschaft — Praxisforschung zu Wildbienen in der Agrarlandschaft (Erstnachweise und Wiederfunde seltener Arten dokumentiert).
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins NRW-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.
Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Holzbiene oder Maskenbiene — die Artensteckbriefe mit Verwechslungstabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen sind über den Arten-Hub und die Bundesland-Hubs verlinkt.