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Bienenatlas

Wildbienen in Niedersachsen: 381 Arten, fast zwei Drittel auf der Roten Liste

Aquarell einer Hosenbiene mit riesigen orangefarbenen Sammelbürsten an den Hinterbeinen auf einem gelben Korbblütler über der lila blühenden Lüneburger Heide

In Niedersachsen sind 381 Wildbienenarten nachgewiesen (Stand LAVES 2026) — und die Liste wächst: Allein 2026 meldete das Julius Kühn-Institut sieben Erstnachweise für das Land. Die Zahl klingt vielfältig, bis man die Rote Liste anschaut: In der bislang gültigen Fassung (NLWKN, Theunert 2002) gelten von 341 damals bewerteten Arten 212 — also 62,2 % — als gefährdet, extrem selten oder verschollen. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten überhaupt vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.

Wie viele Wildbienenarten leben in Niedersachsen?

Es gibt zwei belastbare Zahlen — und sie widersprechen sich nicht, sondern beschreiben verschiedene Zeitpunkte. Die aktuell dokumentierte Artenzahl liegt bei 381 (LAVES, Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, 2026). Die Rote Liste von 2002 bewertete dagegen 341 Arten — seitdem sind durch intensivere Erfassung und durch wärmebedingte Neuzuwanderer rund 40 Arten dazugekommen. Der BUND Niedersachsen nennt für Niedersachsen und Bremen gemeinsam „rund 360“ Arten — eine gerundete Größenordnung, die im selben Bereich liegt. Zum Vergleich: in ganz Deutschland sind je nach Quelle rund 560 bis 604 Arten bekannt. Niedersachsen beherbergt damit einen erheblichen Teil der nationalen Vielfalt.

Wichtig zur Einordnung: Die Honigbiene (Apis mellifera) ist in keiner dieser Zahlen enthalten — sie ist eine domestizierte Nutzbiene und steht strukturell außerhalb der Wildbienen-Liste. Die 381 Arten verteilen sich auf die sechs in Deutschland vertretenen Bienenfamilien: Apidae (Echte Bienen inkl. Hummeln und Pelzbienen), Sandbienen (Andrenidae), Mauer- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), Furchenbienen (Halictidae), Seidenbienen (Colletidae) und die seltenen Sägehornbienen (Melittidae). Die nur in Australien heimische Familie Stenotritidae kommt in Niedersachsen — wie in ganz Deutschland — naturgemäß nicht vor.

Diese Arten sind nicht gleich verteilt: warme Sandstandorte der Geest und der Flusstäler beherbergen ein Vielfaches der Artenzahl intensiv genutzter Bördelandschaft. Die Vielfalt ist also weniger eine Frage der Geografie als der Landnutzung.

Wer ist gefährdet — und warum fast zwei Drittel

Die Rote Liste für Niedersachsen und Bremen (NLWKN, 1. Fassung, Stand 1. März 2002, bearbeitet von Reiner Theunert) schlüsselt die damals 341 bewerteten Arten so auf:

In Summe stehen 212 Arten (62,2 %) als gefährdet bzw. verschollen auf der Liste — fast zwei Drittel der niedersächsischen Wildbienenfauna. (Zählt man nur die „harten“ Kategorien 0 bis 3, sind es 167 Arten oder 49,0 %.) Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2002; eine 2. Fassung der Roten Liste ist seit einigen Jahren in Vorbereitung. Die Größenordnung ist seither nicht besser geworden — der BUND Niedersachsen beziffert den Anteil gefährdeter Arten weiterhin mit rund 63 %.

Die Ursachen sind nicht spekulativ — sie sind in den NLWKN- und BUND-Auswertungen explizit benannt: intensive Landwirtschaft mit Pestizid- und Herbizideinsatz, Stickstoffeinträge auf einst magere Standorte, Umwandlung von Sandmagerrasen in Intensivgrünland, Verfüllung von Sand- und Lehmgruben, Versiegelung und „Ordnungssinn“ auf Ruderalflächen. Besonders hart trifft es die Spezialisten: Von den oligolektischen Arten — also denen, die nur eine bestimmte Pflanzenfamilie als Pollenquelle nutzen — sind in Niedersachsen 67 % gefährdet. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation.

Wo leben Wildbienen in Niedersachsen?

Der überwiegende Teil der heimischen Wildbienen nistet im Boden. Das ist die wichtigste Erkenntnis für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Wildblumenwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist eine halbe Lösung. Die übrigen Arten nisten in Pflanzenhalmen, Totholz, Käferfraßgängen, Steilwänden, Lehmmauern oder in Schneckenhäusern. In Niedersachsen mit seinen großen Sandgebieten haben bodennistende Arten besonders gute Voraussetzungen — wo der Boden offen bleibt.

Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Niedersachsen sind nach der BUND-Lebensraumsystematik:

Konkrete Funde pro Gemeinde — von der Küste bis ins Weserbergland — sind im Niedersachsen-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist). Wer die Pilot-Region sehen will, in der dieser Atlas begonnen hat, schaut ins Hohenhameln-Dashboard (Mehrum).

Sechs Wildbienenarten, die in Niedersachsen besonders auffallen

Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Niedersachsen entweder ökologisch besonders prägend, an die Sandlandschaften gebunden oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind.

1. Dunkelfransige Hosenbiene — Dasypoda hirtipes

Das Aushängeschild der niedersächsischen Sandgebiete. Die Weibchen tragen riesige orange Sammelbürsten an den Hinterbeinen — die namensgebenden «Hosen». Laut BUND kommt sie im niedersächsischen Tiefland regelmäßig in sandigen Gebieten vor, während sie in anderen Bundesländern seltener ist. Strikt bodennistend, oligolektisch an Korbblütlern. Hochsommer. Steckbrief & Live-Phänologie

2. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva

Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart auf Thorax und Hinterleib. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Pflasterritzen. Häufig bei Stachelbeeren, Johannisbeeren und Obstblüten. März bis Mai. Steckbrief & Verwechslungstabelle

3. Dunkle Erdhummel — Bombus terrestris

Die häufigste Hummel — und im sandgeprägten Niedersachsen besonders zahlreich, weil sie ihre Völker in verlassenen Mäuse- und Wühlmausgängen im Boden anlegt. Weiße Endbinde am Hinterleib; vom Komplex aus lucorum und magnus nur mikroskopisch sicher zu trennen. Eine der wenigen Arten, die als ganzes Volk überwintert. Februar bis Oktober. Steckbrief

4. Ackerhummel — Bombus pascuorum

Die orange-braune «Carder»-Hummel, die ihr Nest oberirdisch aus Moos und Grashalmen polstert — daher findet man sie auch in Wiesen und Hecken der Kulturlandschaft. Zwischen den braunen Haaren am Hinterleib stehen schwarze, das unterscheidet sie von ähnlichen Arten. Generalistisch, daher noch weit verbreitet. April bis Oktober. Steckbrief

5. Auen-Schenkelbiene — Macropis europaea

Eine Spezialistin für feuchte Standorte — und damit ein Indikator für die Moorränder und Flussauen, an denen Niedersachsen reich ist. Sie sammelt Blütenöl ausschließlich am Gilbweiderich (Lysimachia) und nutzt es zum Auskleiden ihrer Bodennester. Wo der Gilbweiderich verschwindet, verschwindet auch sie. Juni bis August. Steckbrief

6. Glockenblumen-Schmalbiene — Lasioglossum costulatum

Die Wildbiene des Jahres 2026, gekürt vom Kuratorium der AG Wildbienen-Kataster. Eine strikte Pollenspezialistin: Sie sammelt ausschließlich an Glockenblumen (Campanula). Verschwinden die Glockenblumen aus mageren Wiesen und Säumen, verschwindet auch diese Furchenbiene — ein Lehrbeispiel dafür, warum Artenschutz immer auch Pflanzenschutz ist. Sommerflieger.

Was du konkret tun kannst

Die folgenden vier Maßnahmen sind nach übereinstimmender NLWKN- und BUND-Erkenntnis die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit — und sie passen besonders gut zu den niedersächsischen Sandlandschaften:

  1. Offene Sandstellen schaffen. Eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen oft schon innerhalb einer Saison — ohne weitere Maßnahme. In Niedersachsen ist Sand fast überall verfügbar; der häufigste Fehler im Wildbienengarten ist «zu sauber». Die DIY-Anleitung Sandarium zeigt den Boden-Teil, der den meisten Insektenhotels fehlt.
  2. Pollenspezialisten gezielt versorgen. Zwei Drittel der oligolektischen Arten in Niedersachsen sind gefährdet — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten, von Glockenblume bis Gilbweiderich.
  3. Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
  4. Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die Anleitung für glyphosatfreie Unkrautbekämpfung listet wirksame mechanische und biologische Methoden.

Wer in Niedersachsen an Wildbienen forscht und schützt

Die wichtigsten Anlaufstellen in Niedersachsen für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:

Was diese Seite leistet — und was nicht

Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Niedersachsen-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker und iNaturalist — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.

Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Hosenbiene oder Auen-Schenkelbiene — die Sedcards pro Art mit Verwechslungs­tabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen findest du im Arten-Verzeichnis.