Wildbienen in Mecklenburg-Vorpommern: 334 Arten — und keine offizielle Rote Liste
In Mecklenburg-Vorpommern sind 334 Wildbienenarten nachgewiesen (Stand 31.12.2023) — bei rund 580 Arten deutschlandweit also gut die Hälfte der nationalen Vielfalt, in einem kühlen, nordöstlichen Flächenland. Damit zählt MV laut den Fachautoren zu den an Wildbienen artenärmsten Flächenländern Deutschlands. Die zweite unbequeme Tatsache: eine offizielle Rote Liste der Wildbienen gibt es für MV nicht — die einzige aktuelle Landes-Bilanz ist eine inoffizielle Checkliste von 2024. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.
Wie viele Wildbienenarten leben in Mecklenburg-Vorpommern?
Die belastbare, primär belegte Zahl lautet 334 nachgewiesene Bienenarten (Stand 31.12.2023). Sie stammt aus dem Kritischen Verzeichnis der Wildbienen Mecklenburg-Vorpommerns von Wagner, Kornmilch & Schmid-Egger (Ampulex 15, 2024) — der ersten umfassenden Landes-Bilanz seit über zwanzig Jahren. Vorher hatte Dathe (2001, Fauna Germanica) 294 sicher nachgewiesene plus 18 fragliche Arten gelistet; die neue Arbeit meldet 22 Arten neu für das Land und streicht 14 Arten, die zu Unrecht geführt wurden. Die 334 ist damit kein abgeschlossener Zensus, sondern der heute bestbelegte Wissensstand.
Zur Einordnung: bundesweit zählt man rund 580 Wildbienenarten — MV deckt also etwa 58 % davon ab, ein vergleichsweise niedriger Wert. Die Autoren benennen den Grund offen: das nordöstlichste Bundesland ist kühl, und es kann am Bienenreichtum des wärmeren, sandreichen Brandenburgs nur bedingt teilhaben. Verteilt sind die Arten ohnehin nicht gleichmäßig: warme Küstenkliffs, Sandtrockenrasen und Binnendünen tragen ein Vielfaches der Arten, die ein intensiv genutzter Acker oder ein nasser Forst hält. Vielfalt ist auch hier weniger eine Frage der Geografie als der Landnutzung.
Die 334 Arten verteilen sich auf 35 der 49 in Deutschland vorkommenden Bienengattungen. Die artenreichste sind die Sandbienen (Andrena) mit 70 Arten, gefolgt von den Schmalbienen (Lasioglossum) mit 38 und den Wespenbienen (Nomada) mit 36 Arten. Familiensystematisch decken sie die sechs in Deutschland vertretenen Bienenfamilien ab: Apidae (Echte Bienen, inklusive Hummeln und Holzbienen), Sandbienen (Andrenidae), Mauer-, Blattschneider- und Wollbienen (Megachilidae), Furchen- und Schmalbienen (Halictidae), Seiden- und Maskenbienen (Colletidae) und die Sägehorn-, Hosen- und Schenkelbienen (Melittidae). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt in Deutschland — und damit auch in MV — naturgemäß nicht vor.
Warum es in Mecklenburg-Vorpommern keine Rote Liste gibt
Hier wird es ehrlich unangenehm: Mecklenburg-Vorpommern ist eines von nur vier Bundesländern (neben Hamburg, dem Saarland und Rheinland-Pfalz), die keine offizielle, aktuelle Rote Liste der Wildbienen führen. Zuständige Fachbehörde wäre das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) — eine Wildbienen-Rote-Liste hat es bislang nicht veröffentlicht. Die einzige aktuelle Gefährdungs-relevante Bilanz ist die inoffizielle Checkliste von 2024 (das oben genannte Kritische Verzeichnis), nicht eine amtliche Liste des Landes.
Was das Verzeichnis dennoch liefert, ist eine Bestandseinschätzung pro Art — mit Kategorien wie ausgestorben oder verschollen (letzter Nachweis vor 1991), selten und verbreitet. Das ist wertvoll, ersetzt aber keine nach Gefährdungsstufen kalibrierte, fortgeschriebene Rote Liste. Für die Praxis heißt das: wir kennen die aktuelle Gefährdungslage in MV schlechter als in Bayern, Sachsen oder Baden-Württemberg, wo regelmäßig fortgeschriebene amtliche Rote Listen existieren. Wer behauptet, „X Prozent der mecklenburg-vorpommerschen Wildbienen sind heute bedroht", schätzt — eine belastbare Landeszahl dazu gibt es nicht.
Belastbar ist die bundesweite Einordnung: von den rund 580 deutschen Wildbienenarten gilt nach der nationalen Roten Liste etwa die Hälfte als bestandsgefährdet. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass MV systematisch besser dasteht — gerade die hochspezialisierten Küsten-, Moor- und Sandtrockenrasen-Arten stehen unter Druck. Die Ursachen sind keine Spekulation: Flächenverbrauch, intensive Landwirtschaft mit Pestiziden und Überdüngung, Verfüllung von Kies- und Sandgruben, Entwässerung von Mooren, bauliche Veränderungen an der Küste durch den Tourismus, und der schleichende Verlust extensiv genutzter Magerstandorte. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation, die spezialisierte Arten zuerst trifft.
Wo leben Wildbienen in Mecklenburg-Vorpommern?
Rund drei Viertel aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Wildblumenwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist Hälfte-Lösung. Die übrigen nisten in Pflanzenhalmen, Mauerritzen, Schneckenhäusern, alten Käferfraßgängen in morschem Holz oder in selbstgebauten Lehmnestern an Steilwänden. Und genau bei diesen Steilwänden spielt MV eine bundesweit besondere Rolle: die Mergelkliffs und Steilküsten mit ihren sandig-lehmigen Abbrüchen sind Nistraum für spezialisierte Arten, die andernorts kaum geeignete Standorte finden.
Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Mecklenburg-Vorpommern sind:
- Mergelkliffs und Steilküsten — die sandig-lehmigen Abbruchkanten der Ostseeküste (etwa auf Rügen) sind ein bundesweit seltener Nisttyp; Lebensraum spezialisierter Pelzbienen und Steilwand-Nister
- Küstendünen und Bodden-Landschaft — weitläufige, weitgehend natürliche Sandlebensräume; oft guter Nistraum, mit allerdings schwankendem Trachtangebot
- Sandtrockenrasen und Binnendünen — nährstoffarme, schütter bewachsene Sandflächen, das Kerngebiet sandnistender Arten
- Müritz und Mecklenburgische Seenplatte — glazial geprägtes Tiefland mit Mooren, Heideresten und sandigen Sandern; der Müritz-Nationalpark ist das prominente Schutzgebiet
- Truppenübungsplätze und Flusstalmoore — etwa entlang der Peene; störungs- oder nässegeprägte Offenlandschaften, die Sukzession in Schach halten und Spezialisten Raum geben
- Garten- und Siedlungsraum — überraschend artenreich, wenn auch nur Teilersatz für die verlorenen Naturlebensräume
Konkrete Funde pro Gemeinde — von Rostock über Schwerin und Stralsund bis Neubrandenburg — sind im Mecklenburg-Vorpommern-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Sechs Wildbienenarten, die in Mecklenburg-Vorpommern besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in MV entweder typisch für die Küsten-, Sand- und Moorlebensräume oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind. Jede hat auf dieser Plattform einen eigenen Steckbrief mit Verwechslungstabelle, Live-Phänologie und Quellen.
1. Hosenbiene — Dasypoda hirtipes
Die unverwechselbare Sandland-Spezialistin: Weibchen tragen riesige orange Sammelbürsten an den Hinterbeinen («Hosen»), mit denen sie Pollen aus offenen Sandflächen heimtragen. Streng an Sandhabitate gebunden — in MV also in Küstendünen, Sandtrockenrasen und auf den Sandern der Seenplatte zu Hause. Pollenspezialistin auf gelbe Korbblütler, Flugzeit Hochsommer. Steckbrief Hosenbiene.
2. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva
Die «Frühlingsbiene des Vorgartens» und Vertreterin der artenreichsten Gattung des Landes — Sandbienen stellen in MV mit 70 Arten die größte Gruppe. 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot auf Thorax und Hinterleib. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen, häufig an Stachelbeeren, Johannisbeeren und Obstblüten. Früher Frühjahrsflieger. Steckbrief Fuchsrote Sandbiene.
3. Frühlings-Pelzbiene — Anthophora plumipes
14–15 mm, pelzig wie eine kleine Hummel, im Schwirrflug oft mit hörbarem Brummen. Sehr früh im Jahr (März/April) unterwegs, mit langer Zunge an Lungenkraut und Lerchensporn. Nistet in Steilwänden, Lehmmauern und Sandabbrüchen — und genau diese Strukturen liefern in MV die Mergelkliffs und Steilküsten, ein bundesweit seltener Nisttyp. Steckbrief Pelzbiene.
4. Riesen-Blutbiene — Sphecodes albilabris
Die größte Blutbiene: glänzend, fast unbehaart, mit blutrotem Hinterleibsansatz. Eine Kuckucksbiene — sie baut keine eigenen Nester, sondern parasitiert andere Sandbienen, vor allem die Hosenbiene. Ihr Vorkommen ist deshalb ein Indikator: wo die Riesen-Blutbiene fliegt, sind die sandnistenden Wirte in MV gesund. Steckbrief Riesen-Blutbiene.
5. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea
Die größte heimische Biene, bis 28 mm, schwarz mit metallisch violett schimmernden Flügeln. Eine Klima-Gewinnerin, die sich seit Jahren nordostwärts ausbreitet — im sonst kühlen MV ein junger, aber zunehmender Gast, der in Totholz nistet (alte Obstbäume, morsche Pfähle). Flugzeit ab Februar/März. Steckbrief Holzbiene.
6. Efeu-Seidenbiene — Colletes hederae
Der späteste Flieger des Jahres: September bis Oktober, fast ausschließlich am blühenden Efeu. Eine junge Ausbreitungsart, die das milder werdende Klima nordostwärts nutzt und in den vergangenen Jahren auch die Küste MVs erreicht hat — ein gut beobachtbarer Spätstarter, wenn fast alle anderen Bienen schon weg sind. Nistet in besonnten, sandig-lehmigen Böschungen. Steckbrief Efeu-Seidenbiene.
Was du konkret tun kannst
Die folgenden vier Maßnahmen sind die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit — und die erste passt in einem küsten- und sandgeprägten Land wie MV besonders gut zum Standort:
- Offene Sandflächen schaffen. In einem Land mit Dünen, Sandern und Steilküsten ist das die naheliegendste und wirksamste Maßnahme: eine besonnte Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen oft schon innerhalb einer Saison. Die DIY-Anleitung Sandarium zeigt, wie ein dauerhaftes Bodennest-Habitat angelegt wird — der Teil, der in den meisten Gärten fehlt.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Ein großer Teil der gefährdeten Arten ist oligolektisch — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten für trockene Sandstandorte.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die Anleitung für Unkraut ohne Glyphosat listet wirksame mechanische und biologische Alternativen.
Wer in Mecklenburg-Vorpommern an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen in Mecklenburg-Vorpommern für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) — oberste Fachbehörde für den Naturschutz; führt die Roten Listen des Landes (eine amtliche Rote Liste der Wildbienen liegt allerdings nicht vor).
- Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt (LM-MV) — bündelt die Themen biologische Vielfalt sowie Arten- und Biotopschutz auf Landesebene. Ein dediziertes Wildbienenprogramm ist öffentlich nicht dokumentiert.
- Müritz-Nationalpark — größter Landnationalpark Deutschlands; Mosaik aus Mooren, Heiden, Wäldern und sandigen Offenflächen und damit ein Kerngebiet für moor- und sandspezifische Arten.
- NABU Mecklenburg-Vorpommern — Naturschutzverband mit lokalen Gruppen, guter Einstiegspunkt für Mitmachen, bienenfreundliche Gartengestaltung und Fundmeldungen.
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Mecklenburg-Vorpommern-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik. Das ist gerade in MV entscheidend, wo eine offizielle aktuelle Rote Liste fehlt: reale Fundmeldungen schlagen veraltete Schätzungen.
Und zur Ehrlichkeit gehört der Hinweis: die Landeszahl von 334 Arten ist primär belegt (Kritisches Verzeichnis 2024), aber sie stammt aus einer inoffiziellen Checkliste, nicht aus einer amtlichen Roten Liste — die es für MV schlicht nicht gibt. Eine vollständige Übersicht aller einzeln aufbereiteten Arten — mit Verwechslungstabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen — findest du im Arten-Verzeichnis.