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Bienenatlas

Wildbienen in Hessen: 424 Arten, 53 davon ausgestorben

Aquarell einer honigbraun behaarten Efeu-Seidenbiene mit hellen Haarbinden an einer gelbgrünen Efeublüte über einem hessischen Löss-Magerrasen

In Hessen sind 424 Wildbienenarten dokumentiert — bei rund 560 bis 580 Arten deutschlandweit also ein erheblicher Teil der nationalen Vielfalt, getragen vom warmen Klima des Rhein-Main-Tieflands und des Oberrheingrabens. Daneben steht die unbequeme Zahl aus der amtlichen Roten Liste: 181 Arten (43 %) sind gefährdet, davon gelten 53 Arten (13 %) bereits als ausgestorben oder verschollen. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten überhaupt vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.

Wie viele Wildbienenarten leben in Hessen?

Die maßgebliche Quelle ist die Kommentierte Rote Liste der Bienen Hessens (1. Fassung, Tischendorf, Frommer, Flügel, Schmalz & Dorow, 2009), herausgegeben vom hessischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Sie nennt die Zahl präzise: 424 Bienenarten gehören zur Fauna Hessens — gerechnet aus den seinerzeit 560 in Deutschland nachgewiesenen Arten (Westrich et al. 2008; der aktuellere bundesweite Wert liegt bei rund 580). Es ist die erste vollständige Landesfauna der Bienen Hessens überhaupt; sie greift auf Sammlungsdaten zurück, die teils bis ins frühe 19. Jahrhundert reichen.

Die 424 Arten verteilen sich auf die sechs in Deutschland vertretenen Bienenfamilien: die Apidae (Echte Bienen, inklusive Hummeln und Holzbienen), die Sandbienen (Andrenidae), Mauer-, Woll- und Blattschneider- bienen (Megachilidae), Furchen- und Schmalbienen (Halictidae), Seiden- und Maskenbienen (Colletidae) sowie die Sägehorn-, Hosen- und Schenkelbienen (Melittidae). Die nur in Australien vorkommende Familie Stenotritidae fehlt in Hessen — wie in ganz Deutschland — naturgemäß.

Diese Arten sind nicht gleich verteilt: Laut der Roten Liste wird die höchste Artenzahl im hessischen Anteil des Oberrheingrabens erreicht; in einzelnen TK25-Quadranten wurden seit 1990 mehr als 100 Arten nachgewiesen. Intensiv genutztes Acker- und Siedlungsland fällt deutlich darunter. Die Vielfalt ist also weniger eine Frage der Geografie als der Landnutzung und der Bodenverhältnisse.

Wer ist gefährdet — und warum 43 Prozent

Die amtliche Rote Liste schlüsselt die 424 hessischen Arten so auf (wörtlich aus der Zusammenfassung):

Rechnerisch heißt das: fast jede zweite hessische Wildbienenart steht auf der Roten Liste. Die Ursachen sind nicht spekulativ — sie werden in der Roten Liste explizit benannt: „Hauptursache für das Aussterben und den Rückgang der Arten ist die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung, der unmittelbare Verlust der Lebensräume durch Straßen- und Siedlungsbau und insbesondere für die in Steilwänden nistenden Arten der zahlenmäßig hohe Verlust von Ton-, Kies- und Sandgruben in der Kulturlandschaft.“ Viele der ausgestorbenen Arten wurden zuletzt um die Mitte des 20. Jahrhunderts nachgewiesen.

Bemerkenswert ist die Gegenbewegung am Rand: Bei einigen wärmeliebenden Arten — etwa der Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae) und der Gelbbinden-Furchenbiene (Halictus scabiosae) — geht die Rote Liste davon aus, dass sie ihr Verbreitungsgebiet erst nach 1990 infolge überregionaler Ausbreitungstendenzen auf Hessen ausgedehnt haben. Wärmegewinner und Verlierer existieren also nebeneinander.

Wo leben Wildbienen in Hessen?

Die Rote Liste formuliert die zentrale Erkenntnis klar: Für die Zusammensetzung der Bienenfauna eines Gebiets sind die Bodenverhältnisse von besonderer Bedeutung. Viele im Boden (endogäisch) nistende Arten brauchen ein spezifisches Nistsubstrat — Löss oder Feinsand — und graben ihre Gänge in trockene, vegetationsarme Böden. Eine Wildblumenwiese ohne offene Bodenstellen ist deshalb nur eine halbe Lösung. Weitere Arten nisten in Käferfraßgängen in Totholz, in markhaltigen Pflanzenstängeln, in Lehm- oder Harznestern an Steinen oder in leeren Schneckenhäusern. Rund ein Viertel der hessischen Arten lebt brutparasitisch (Kuckucksbienen) und hängt damit unmittelbar vom Bestand der Wirtsarten ab.

Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Hessen sind nach der Roten Liste:

Konkrete Funde pro Gemeinde — von Frankfurt am Main über Fulda bis Kassel — sind im Hessen-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).

Fünf Wildbienenarten, die in Hessen besonders auffallen

Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Hessen entweder ökologisch besonders prägend, im Siedlungsraum gut zu beobachten oder als Wärmegewinner aufschlussreich sind.

1. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis

Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels. Flugzeit März bis Anfang Juni, 10–12 mm, Weibchen rostbraun behaart. Die «Hummel unter den Solitärbienen» — generalistisch, friedlich und der erste Erfolg jeder Insektenhotel-Bemühung. In Hessen flächendeckend. Steckbrief

2. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva

Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Pflasterritzen. Häufig bei Stachelbeeren, Johannisbeeren und Obstblüten. Steht stellvertretend für die vielen bodennistenden Arten, die in Hessen offene Feinsandflächen brauchen. März bis Mai. Steckbrief

3. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea

Die größte deutsche Biene, bis 28 mm. Schwarz mit metallisch-blau schimmernden Flügeln. Profitiert vom milden Klima des Rhein-Main-Gebiets und ist dort heute regelmäßig zu beobachten. Flugzeit Februar/März bis Oktober, nistet in Totholz — ein direktes Argument dafür, morsches Holz im Garten stehen zu lassen. Steckbrief

4. Langhornbiene — Eucera longicornis

Die Männchen mit körperlangen Fühlern sind im Mai und Juni schwer zu übersehen, wenn sie über Schmetterlings- blütlern schwirren. Strikte Pollenspezialistin — ausschließlich Fabaceae (Wicken, Platterbsen, Esparsette). Stark abhängig von extensiv genutzten Wiesen und Magerrasen, wie sie in der Wetterau und an hessischen Kalkmagerrasen erhalten sind. Steckbrief

5. Efeu-Seidenbiene — Colletes hederae

Späteste Wildbiene des Jahres (September/Oktober), fast ausschließlich am blühenden Efeu. In Hessen ein Wärmegewinner: Die Rote Liste geht davon aus, dass die Art ihr Verbreitungsgebiet erst nach 1990 auf das Bundesland ausgedehnt hat. Wer im Herbst blühenden Efeu duldet, sieht sie oft in Dutzenden gleichzeitig. Steckbrief

Was du konkret tun kannst

Die folgenden vier Maßnahmen folgen unmittelbar aus den in der hessischen Roten Liste benannten Engpässen — offenes Nistsubstrat, Trachtangebot für Spezialisten, korrekte Nisthilfen und Pestizidverzicht — geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit:

  1. Offene Bodenstellen schaffen. Da viele hessische Arten Feinsand oder Löss zum Nisten brauchen, ist offener Boden oft der limitierende Faktor — nicht die Blüten. Eine kleine Sandlinse besiedeln Sandbienen innerhalb einer Saison. Die Sandarium-Anleitung zeigt den Aufbau im Detail.
  2. Pollenspezialisten gezielt versorgen. Ein großer Teil der gefährdeten Arten ist oligolektisch — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten.
  3. Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
  4. Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die Übersicht der Alternativen zu Glyphosat listet wirksame mechanische und biologische Methoden.

Wer in Hessen an Wildbienen forscht und schützt

Die wichtigsten Anlaufstellen in Hessen für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:

Was diese Seite leistet — und was nicht

Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Hessen-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.

Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Holzbiene oder Efeu-Seidenbiene — findest du die Sedcards pro Art mit Verwechslungs­tabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen im Arten-Verzeichnis.