Wildbienen in Hamburg: rund 260 Arten — und eine Datenlücke
Hamburg ist ein Stadtstaat — keine Bergkette, keine weiten Auen, kaum Landwirtschaft. Trotzdem sind hier rund 260 von etwa 580 deutschen Wildbienenarten nachgewiesen, also fast die Hälfte der nationalen Vielfalt auf 755 km² Großstadt. Das überrascht — bis man versteht, dass gerade Sandböden, Binnendünen, Hafen- und Bahnbrachen für viele Arten bessere Lebensräume sind als ausgeräumtes Ackerland. Eine Schwierigkeit bleibt aber: Hamburg gehört zu den wenigen Bundesländern ohne aktuelle amtliche Rote Liste der Bienen. Diese Seite ist die ehrliche Bestandsaufnahme — was belegt ist, was geschätzt wird, und was offen bleibt.
Wie viele Wildbienenarten leben in Hamburg?
Hier muss man sauber sein, statt eine glatte Zahl zu erfinden. Es gibt für Hamburg keine abgeschlossene, amtlich publizierte Artenliste — die zuständige Behörde, die BUKEA (Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft), beschreibt die Wildbienen lediglich als „in großer Artenvielfalt" vorkommend. Die belastbaren Werte stammen aus laufenden Monitoring-Projekten und schwanken je nach Stichtag und Methodik:
- ~260 Arten — Stand des BUND Hamburg im Wildbienen-Porträt; ausdrücklich mit dem Hinweis „eine vollständige Liste fehlt noch".
- 236 Arten — „in Hamburg bekannt" laut Projektportal der Deutschen Wildtier Stiftung.
- 119 Wildbienenarten — fest dokumentiert auf den Monitoringflächen des Stiftungs-Projekts (Zwischenstand 2017/18), eingebettet in 246 Stechimmen-Arten inklusive 127 Wespenarten.
Diese Spannweite ist kein Widerspruch, sondern Forschungsstand: Sie zeigt den Unterschied zwischen historisch bekannt, aktuell bekannt und frisch belegt. Dass die Zahlen nicht zusammenfallen, hat einen sehr praktischen Grund — Dr. Christian Schmid-Egger, der das Hamburger Monitoring leitet, formuliert es so: „Nur etwa 20–30 Prozent aller Arten lassen sich direkt im Gelände bestimmen." Der Rest braucht Mikroskop und Labor. Wildbienen-Erfassung ist langsame, mühsame Arbeit — und genau deshalb hinkt die amtliche Liste der Realität hinterher.
Als nationaler Bezugsrahmen dient die Größenordnung von rund 580 Wildbienenarten in Deutschland — die taxonomische Checkliste von 2023 führt sogar über 600 jemals heimische Arten (gegenüber 561 in der Roten Liste von 2011). Hamburg deckt mit seinen ~260 dokumentierten Arten also annähernd die Hälfte des nationalen Spektrums ab — eine für einen reinen Stadtstaat bemerkenswerte Quote.
Die Rote-Liste-Lücke — und warum sie ehrlich gehört
Anders als Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg hat Hamburg derzeit keine gültige, aktualisierte Rote Liste der Bienen. Eine erste landesweite Rote Liste wird seit Jahren erarbeitet — getragen von der Deutschen Wildtier Stiftung unter Leitung von Dr. Schmid-Egger, in Kooperation mit dem Zoologischen Institut der Universität Hamburg und dem Centrum für Naturkunde (CeNak). Solange dieses Werk nicht offiziell veröffentlicht ist, lässt sich für Hamburg keine seriöse Gefährdungs-Statistik nach RL-Kategorien (1, 2, 3, V) angeben — und wir erfinden hier keine.
Was sich belegen lässt, sind konkrete Funde gefährdeter Arten. Das Monitoring stieß etwa auf Lasioglossum monstrificum — eine bundesweit gefährdete Schmalbiene, in Hamburg an gleich fünf Standorten nachgewiesen — sowie auf Megachile ligniseca, eine seltene Blattschneiderbiene. Solche Einzelnachweise sind aussagekräftiger als jede geschätzte Prozentzahl: Sie zeigen, dass Hamburg trotz Versiegelung Reservoir für bundesweit seltene Arten ist — und wie schnell dieses Reservoir verschwindet, wenn eine Brache bebaut wird.
Die Ursachen des Rückgangs sind dieselben wie überall, im Stadtstaat aber zugespitzt: Flächenverbrauch durch Wohnungsbau, Versiegelung von Brachen, „aufgeräumte" Grünanlagen ohne offenen Boden und Totholz, Lichtverschmutzung, und der Verlust nährstoffarmer Sandstandorte durch Eutrophierung. In Hamburg konkurriert jede wertvolle Brache direkt mit dem Bauland-Druck — das ist der entscheidende lokale Konflikt.
Wo leben Wildbienen in Hamburg?
Etwa drei Viertel aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutzmaßnahme — und sie erklärt, warum gerade Hamburgs Sandlebensräume so wertvoll sind. Die übrigen Arten nisten in Pflanzenstängeln, Mauerritzen, alten Käferfraßgängen in Totholz, Schneckenhäusern oder selbstgebauten Lehmnestern. Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume Hamburgs sind durchweg offene, magere, sandige Flächen:
- Boberger Niederung mit der Binnendüne — Hamburgs größte offene Binnendüne, seit 1991 Naturschutzgebiet (2025 von 350 auf 464 ha erweitert), betreut von der Loki Schmidt Stiftung. Sanddünen, Sandheiden und Sandtrockenrasen sind erstklassiges Sandbienen-Habitat; der Arbeitskreis Binnendünen hält die Düne gezielt offen.
- Geesthänge im Osten und Süden — die trockenwarmen Hangkanten der Geest bieten besonnte, grabbare Böschungen für bodennistende Arten.
- Hafen- und Bahnbrachen — postindustrielle Sukzessionsflächen mit Schotter, Ruderalflur und Spontanvegetation; oft die artenreichsten Inseln im Stadtgefüge, weil ungemäht und ungedüngt.
- Naturschutzgebiete der Stadt — Hamburg weist über 10 % seiner Landesfläche als Naturschutzgebiet aus (25 NSG), darunter Heide-, Moor- und Marschflächen.
- Gärten, Parks und Gründächer — überraschend ergiebig: Pilotprojekte fanden auf begrünten Buswartehäuschen 172 Bienen- und Wespenarten (26 % der Hamburger Fauna), auf städtischen Gründächern bis zu 68 Arten. Selbst der Tierpark Hagenbeck beherbergt 145 — zum Teil stark gefährdete — Bienen- und Wespenarten.
Konkrete Funde pro Stadtteil — von Bergedorf bis Blankenese — sind im Hamburg-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Acht Wildbienenarten, die in Hamburg besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Hamburg entweder ökologisch besonders prägend, gut im Siedlungsraum zu beobachten oder typisch für die Sandlebensräume sind.
1. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis
Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels. Flugzeit April bis Juni, 10–12 mm, Weibchen rostbraun behaart. Die generalistische „Einstiegsbiene" jeder Nisthilfe — friedlich, anspruchslos, und im Hamburger Garten- und Balkonraum flächendeckend. Im BUND-Hamburg-Porträt geführt.
2. Gehörnte Mauerbiene — Osmia cornuta
Etwas größer als die rote Schwester (12–16 mm), zwei dunkle Hörnchen am Kopfschild der Weibchen. Wichtige Bestäuberin im Obstbau — eine einzelne Mauerbiene ersetzt rund 80–300 Honigbienen bei der Apfelblüte. Flugzeit März bis Mai, sehr früh im Jahr aktiv.
3. Frühlings-Seidenbiene — Colletes cunicularius
Die Sandbiene der Binnendüne. 11–14 mm, pelzig fuchsbraun, fliegt von Mitte März bis Mitte Mai. Bildet an warmen, offenen Sandflächen große Nistaggregationen — die Boberger Düne ist für sie ein Kernhabitat. Streng an frühe Weidenblüte als Pollenquelle gebunden.
4. Graue Sandbiene — Andrena cineraria
Unverwechselbar grau-schwarz gebändert, 10–15 mm. Nistet einzeln in offenen, sandigen Bodenstellen — auch in Rasenlücken und an Wegrändern. Häufig an Obst- und Kreuzblütenblüten, März bis Mai. Im Hamburger Siedlungsraum gut zu beobachten, wo offener Boden geduldet wird.
5. Riesen-Blutbiene — Sphecodes albilabris
Größte heimische Blutbiene, 11–14 mm, glänzend, fast unbehaart, mit blutrotem Hinterleibsansatz. Eine Kuckucksbiene: Sie legt ihre Eier in die Nester von Seidenbienen (Colletes) und ist damit ein lebender Indikator dafür, dass die Wirtsart vor Ort stabil vorkommt. April bis September.
6. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum
10–18 mm, schwarz mit gelben Seitenflecken (oft mit Wespen verwechselt). Männchen verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen territorialen Verhalten unter Wildbienen. Die «Wolle» ist namensgebend: Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um Brutzellen auszupolstern. Juni bis September, im Stadtgrün verbreitet.
7. Garten-Blattschneiderbiene — Megachile willughbiella
12–16 mm, kräftig, mit auffälliger Bauchbürste zum Pollensammeln. Schneidet halbkreisförmige Stücke aus Blättern (gern Rosen), um daraus Brutzellen zu tapezieren — die ausgestanzten Blätter im Garten sind kein Schaden, sondern ein Nachweis. Juni bis September, nistet in Totholz und Stängeln.
8. Schmalbiene — Lasioglossum monstrificum
Eine bundesweit gefährdete Schmalbiene, die das Hamburger Monitoring an gleich fünf Standorten nachweisen konnte — ein seltener Lichtblick. Klein, unscheinbar, mit feinen hellen Haarbinden am Hinterrand der Segmente. Bodennister auf mageren, sandigen Standorten. Steht stellvertretend für die vielen unscheinbaren Arten, die erst das Labor sicher bestimmt.
Was du konkret tun kannst
Die folgenden vier Maßnahmen sind im Stadtstaat-Kontext die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit — für Garten, Balkon und Hinterhof in Hamburg:
- Offene, sandige Bodenstellen schaffen. Hamburg sitzt auf Sand — das ist sein größter Vorteil für bodennistende Arten. Eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen oft schon in der ersten Saison. Wie man sie richtig anlegt, zeigt die DIY-Anleitung Sandarium — der Boden-Teil, der in den meisten Gärten fehlt.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Ein erheblicher Teil der gefährdeten Arten sind Pollenspezialisten — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten für den norddeutschen Raum.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert — und was nicht.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten und auf der Terrasse. Die Glyphosat-Ersatz-Anleitung listet wirksame mechanische und biologische Alternativen.
Wer in Hamburg an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen in Hamburg für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- BUKEA (Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft) — zuständige Naturschutz- behörde, betreibt die Naturschutzgebiete und ein ehrenamtliches Netz von Insekten-Fachberatern mit kostenloser telefonischer Auskunft je Bezirk.
- Deutsche Wildtier Stiftung — trägt das Hamburger Wildbienen- und Wespen-Monitoring und die in Arbeit befindliche erste Rote Liste (Leitung Dr. Christian Schmid-Egger).
- Loki Schmidt Stiftung — pflegt und koordiniert die offene Binnendüne der Boberger Niederung und den Arbeitskreis Binnendünen, das wichtigste Sandbienen-Habitat der Stadt.
- NABU Hamburg und BUND Hamburg — Bürgerwissenschaft, lokale Gruppen, gute Einstiegspunkte zum Mitmachen; BUND Hamburg pflegt verständliche Artenporträts.
- Universität Hamburg / Centrum für Naturkunde (CeNak) — wissenschaftliche Bestimmung und Sammlung; ohne Labor und Mikroskop bleibt jede Hamburger Artenliste unvollständig.
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung — bewusst ehrlich über die Datenlücke. Wenn du konkrete Funde in deinem Stadtteil sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Hamburg-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.
Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Frühlings-Seidenbiene der Binnendüne oder der Riesen-Blutbiene — die Steckbriefe pro Art mit Verwechslungstabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen erreichst du über den Arten-Hub.