Wildbienen in Bremen: rund 150 Arten im kleinsten Bundesland
Bremen ist mit gut 419 km² Fläche (Bremen plus die Exklave Bremerhaven) das kleinste deutsche Bundesland — ein reiner Stadtstaat ohne Mittelgebirge, ohne weite Agrarsteppe. Und doch dokumentiert der BUND Bremen rund 150 Wildbienenarten im Stadtgebiet. Das ist beachtlich, denn die ganze Bundesrepublik zählt nur etwa 580 Arten: Bremen vereint also rund ein Viertel der nationalen Vielfalt auf einem winzigen, dicht besiedelten Flecken zwischen Marsch, Düne und Wümmeniederung. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten hier vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.
Wie viele Wildbienenarten leben in Bremen?
Eine amtlich beschlossene, eigenständige Bremer Artenzahl gibt es nicht — und genau das ist die ehrliche Antwort. Der Stadtstaat ist faunistisch so eng mit dem Umland verzahnt, dass die maßgebliche Rote Liste Niedersachsen und Bremen gemeinsam behandelt: Reiner Theunerts «Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Wildbienen mit Gesamtartenverzeichnis» (Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen, Heft 3/02, herausgegeben vom NLWKN). Dieses gemeinsame Gesamtartenverzeichnis listet 341 Arten für das Bezugsgebiet NI + HB — von denen rund 62 % als gefährdet oder ausgestorben gelten. Diese Prozentzahl beschreibt allerdings das gesamte Bezugsgebiet, nicht Bremen allein.
Für Bremen selbst nennt der BUND Bremen die belastbarste lokale Zahl: ca. 150 Wildbienenarten im Stadtgebiet, von denen fast die Hälfte auf der Roten Liste steht. Wir geben diese Zahl bewusst als das wieder, was sie ist — eine fachlich fundierte Größenordnung der lokalen Naturschutzarbeit, keine auf die Kommastelle festgelegte Statistik. Wer eine exakte Punktzahl verspricht, erfindet sie.
Wer ist gefährdet — und warum fast die Hälfte
«Fast die Hälfte der ca. 150 Bremer Wildbienenarten» auf der Roten Liste — das ist keine NGO-Übertreibung, sondern deckt sich der Größenordnung nach mit der gemeinsamen Roten Liste für Niedersachsen und Bremen. Die Ursachen sind in einem Stadtstaat besonders sichtbar, weil hier kaum «Naturreserve im Hinterland» existiert, die den Verlust auffängt:
- Flächenversiegelung. In einem dicht bebauten Stadtstaat verschwinden offene Bodenstellen zuerst — und gerade die brauchen die meisten Arten zum Nisten.
- Verlust von Sand- und Magerstandorten. Dünenreste, Sandgrasheiden und nährstoffarme Brachen werden zugebaut, aufgedüngt oder mit Rasen «begrünt».
- Zu intensive Mahd und «aufgeräumtes» Grün. Mehrfach im Jahr kurz gemähter Zierrasen bietet keine Blüten und keine Halme zum Nisten.
- Spezialisierung. Pollenspezialisten (oligolektische Arten) benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie — verschwindet die Tracht, verschwindet die Biene, ganz gleich wie viele andere Blüten blühen.
Ein Gedanke zur Einordnung der ökologischen Bedeutung: laut BUND Bremen werden vier von fünf Wildblumenarten von Wildbienen angeflogen. Wildbienen sind damit kein hübsches Beiwerk, sondern die Bestäubungsinfrastruktur, von der die heimische Pflanzenvielfalt direkt abhängt — und viele Wildbienen bestäuben einzelne Pflanzen sogar wirksamer als die Honigbiene.
Wo leben Wildbienen in Bremen?
Drei Viertel der heimischen Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Blühwiese ohne offene, sandige Bodenstellen ist eine Halbe-Lösung. Die übrigen Arten nisten in Pflanzenhalmen, Mauerritzen, alten Käferfraßgängen in Totholz oder in Schneckenhäusern. Gerade die Bodennister sind in Bremen am stärksten gefährdet, weil unversiegelte, offene und besonnte Bodenflächen selten geworden sind.
Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume im Stadtstaat Bremen sind:
- Borgfelder Wümmewiesen — mit 688 Hektar das größte Naturschutzgebiet Bremens (ausgewiesen 1987). Feuchtwiesen und Gräben der Wümmeniederung, ein Mosaik aus extensiv genutztem Grünland.
- Hollerland — eines der ersten Bremer Schutzgebiete (1985). Trockene und feuchte Heiden, Heideweiher und naturnahe Gebüsche — ausdrücklich Lebensraum für bodennistende Bienen, Grab- und Solitärwespen.
- Düne und Sandflächen — Dünenreste und Sandgrasheiden im Bremer Norden bieten das warme, offene Sandsubstrat, auf das viele Sandbienen angewiesen sind.
- Marsch und Wümmeniederung — die feuchten Niederungen entlang von Weser und Wümme mit ihrem spezifischen Blütenangebot wechselfeuchter Standorte.
- Stadtbrachen, Friedhöfe und Bahndämme — überraschend artenreich, wenn sie nicht zu oft gemäht werden; im Stadtstaat oft die letzten besonnten Magerflächen überhaupt.
Konkrete Funde pro Stadtgemeinde sind im Bremen-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Sechs Wildbienenarten, die in Bremen besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Bremens Lebensräumen (Sand, Heide, Marsch, Siedlungsgrün) entweder ökologisch prägend oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind. Jede verlinkt auf ihren wissenschaftlichen Steckbrief.
1. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva
Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». Weibchen leuchtend fuchsrot auf Thorax und Hinterleib, früher Frühjahrsflieger. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Pflasterritzen — und steht damit sinnbildlich für Bremens Bodennister. Steckbrief Sandbiene.
2. Hosenbiene — Dasypoda hirtipes
Unverwechselbar: die Weibchen tragen riesige orange Sammelbürsten an den Hinterbeinen («Hosen»). Eine typische Art warmer Sandhabitate — also genau der Dünen- und Sandheidenflächen, die in Bremen so wertvoll sind. Sammelt an gelben Korbblütlern. Steckbrief Hosenbiene.
3. Auen-Schenkelbiene — Macropis europaea
Eine Spezialistin für feuchte Standorte — sie sammelt Blütenöl ausschließlich am Gilbweiderich (Lysimachia). Damit ist sie eine charakteristische Art für die Marsch- und Wümmeniederung, wo dieser Pflanzenpartner an Gräben und Feuchtwiesen wächst. Steckbrief Schenkelbiene.
4. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis
Häufigste Bewohnerin der Nisthilfen, rostbraun behaart, verschließt ihre Niströhren mit Lehm. Generalistisch, friedlich und der erste Erfolg jeder Nisthilfe — ideal für den Bremer Stadtgarten und Balkon. Steckbrief Mauerbiene.
5. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum
Gelb-schwarz und wespenähnlich; die Männchen sind größer als die Weibchen und verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen territorialen Verhalten unter Wildbienen. «Wolle» ist namensgebend: die Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um Brutzellen auszupolstern. Im Siedlungsgrün gut zu beobachten. Steckbrief Wollbiene.
6. Efeu-Seidenbiene — Colletes hederae
Der späteste Flieger des Jahres (September/Oktober), fast ausschließlich am blühenden Efeu. Sie schließt das Bienenjahr im Stadtstaat ab und zeigt, warum auch spätblühende Strukturen im Garten zählen — wer den Efeu stehen lässt, versorgt diese Art. Steckbrief Seidenbiene.
Was du konkret tun kannst
Im dicht bebauten Stadtstaat zählt jeder Quadratmeter doppelt. Die folgenden vier Maßnahmen sind nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit geordnet:
- Offene Sandstellen schaffen. Weil drei Viertel der Arten im Boden nisten und Bremen gerade an offenem Sand verarmt, ist ein Sandarium die wirksamste Einzelmaßnahme. Eine sonnige Sandlinse besiedeln Sandbienen oft schon in der ersten Saison.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Spezialisten ignorieren alles außer ihrer Pflanzenfamilie. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten — von Glockenblume bis Gilbweiderich.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was wirklich funktioniert.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten und Schrebergarten. Die Anleitung für glyphosatfreie Unkrautbekämpfung listet wirksame mechanische und biologische Methoden.
Wer in Bremen an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen im Stadtstaat für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- Die Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft (Bremen) — oberste Naturschutzbehörde des Landes. Das frühere Großressort SKUMS wurde 2023 aufgeteilt; Naturschutz und Grünplanung liegen seither bei diesem Ressort.
- Umweltbetrieb Bremen — pflegt das öffentliche Grün, säet insektenfreundliche Wildblumen in Grünanlagen, auf Friedhöfen und an Straßenrändern («Wilde Wiesen», Mahd nur ein- bis zweimal jährlich).
- BUND Bremen — betreibt das Projekt «Bremen summt» und liefert die belastbarsten lokalen Zahlen zur Bremer Wildbienenfauna; viele praktische Anleitungen für Nisthilfen und Sandarien.
- NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) — Herausgeber der gemeinsamen Roten Liste für Niedersachsen und Bremen.
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Stadtgemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Bremen-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.
Und eine ehrliche Einordnung gehört dazu: Bremen hat keine eigene amtliche Wildbienen-Artenliste — die maßgebliche Rote Liste behandelt Niedersachsen und Bremen gemeinsam. Die hier genannten ~150 Arten sind die lokale Fachgröße des BUND Bremen, nicht eine vom Land beschlossene Zahl. Eine vollständige Artenübersicht aller Familien findest du im Arten-Verzeichnis.