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Bienenatlas

Wildbienen in Berlin: 317 Arten in einem Stadtstaat

Aquarell einer grau behaarten Graubiene an einer violetten Luzerne-Blüte über der weiten, warm-trockenen Offenfläche des Tempelhofer Feldes in Berlin

Berlin ist kein Flächenland, sondern eine einzige Stadt — und beherbergt trotzdem 317 Wildbienenarten. Das ist mehr als die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Arten, zusammengedrängt auf 892 km² Stadtgebiet. Der Grund ist nicht Idylle, sondern Geschichte: Trockenrasen, Sandflächen, ehemalige Bahnareale und innerstädtische Brachen bieten wärmeliebenden Spezialisten genau die Lebensräume, die im ausgeräumten Agrarland längst verschwunden sind. Die Kehrseite steht in der aktuellen Roten Liste: 42 % der Berliner Arten gelten als gefährdet oder verschollen, weitere 5 % stehen auf der Vorwarnliste. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme.

Wie viele Wildbienenarten leben in Berlin?

Nach dem aktuellen Stand der Roten Liste und Gesamtartenliste der Wildbienen (Anthophila) von Berlin (3. Fassung, Stand 2026, hrsg. von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt; Autoren Saure & Ziska) sind aus Berlin 317 Wildbienenarten bekannt. Diese verteilen sich auf die sechs in Deutschland vertretenen Bienenfamilien: Apidae (Echte Bienen inklusive Hummeln und Holzbienen), Andrenidae (Sandbienen), Megachilidae (Mauer-, Woll- und Blattschneiderbienen), Halictidae (Furchen- und Schmalbienen), Colletidae (Seiden- und Maskenbienen) und die seltenen Melittidae (Sägehorn- und Hosenbienen). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt in Berlin — wie in ganz Deutschland — naturgemäß nicht vor.

Bundesweit existieren rund 580 Wildbienenarten. Dass auf einem einzigen Stadtstaat über die Hälfte davon nachgewiesen ist, macht Berlin zu einem der artenreichsten Ballungsräume Mitteleuropas. Diese Dichte ist kein urbaner Zufall, sondern Folge eines außergewöhnlich kleinteiligen Mosaiks aus Sand, Trockenrasen, Brache und Garten — ein Lebensraumtyp, der in der modernen Agrarlandschaft fehlt.

Warum gerade Berlin? Die Stadt als Refugium

Wildbienen brauchen drei Dinge gleichzeitig auf engem Raum: Blüten als Nahrung, offene Bodenstellen oder Hohlräume zum Nisten und Wärme. Genau diese Kombination liefert Berlin auf seinen Brachflächen besser als die meisten Naturlandschaften. Die wertvollsten Lebensräume der Stadt sind:

Einige Arten kommen bundesweit überhaupt nur noch in Berlin und Brandenburg vor — etwa die Herz-Maskenbiene, die Kleine Spiralhornbiene, die Östliche Felsen-Mauerbiene und die Flockenblumen-Langhornbiene. Für diese Arten trägt Berlin eine bundesweite Verantwortung, die sich kein anderes Stadtgebiet teilt.

Wer ist gefährdet — und warum fast die Hälfte

Nach der aktuellen 3. Fassung der Roten Liste 2026 stehen 42 % der Berliner Wildbienenarten auf der Roten Liste, weitere 5 % auf der Vorwarnliste. Das ist ein Anstieg: 2005 waren es noch 40 %. Damit ist in Berlin nahezu jede zweite Wildbienenart im Bestand gefährdet oder bereits verschollen.

Eine vollständige Aufschlüsselung der absoluten Artenzahlen pro Gefährdungskategorie ist für die 3. Fassung (2026) bislang nicht frei abrufbar. Belastbar dokumentiert ist die Aufschlüsselung der vorherigen Fassung (Saure & Voith 2011) — sie zeigt die Größenordnung und das Verhältnis der Kategorien:

Die Ursachen sind nicht spekulativ. In einem Stadtstaat dominiert nicht die Landwirtschaft, sondern der Flächendruck: Mit zunehmender Bebauung und Verdichtung verschwinden Nahrungsquellen und Niststätten. Der NABU Berlin weist darauf hin, dass elf der 18 artenreichsten Gebiete Berlins inzwischen in einem instabilen oder sich verschlechternden Erhaltungszustand sind — vielen droht Bebauung, oder sie werden zu intensiv als Erholungsflächen genutzt beziehungsweise aus Wildbienensicht falsch gepflegt. Brachflächen, die kurzfristig «ungenutzt» wirken, sind ökologisch die wertvollsten Flächen der Stadt.

Wo nisten Wildbienen — und warum «aufräumen» schadet

Rund zwei Drittel der Wildbienen nisten unterirdisch — in offenen, sandigen oder lehmigen Bodenstellen. Das ist die wichtigste Zahl für jede Schutzmaßnahme in Berlin: Eine Blühwiese ohne offene Sandstellen ist nur die halbe Lösung. Die übrigen Arten nisten in markhaltigen Pflanzenstängeln, Mauerritzen, Käferfraßgängen in Totholz, Schneckenhäusern oder bauen Lehmnester an Steilwänden. Genau diese Strukturen — offener Boden, stehengelassene Stängel, Totholz, Steinhaufen — liefern Berlins Brachen das ganze Jahr über. Ein «zu sauberer» Garten ist für Wildbienen ein lebensfeindlicher Ort.

Konkrete Funde pro Region sind im Berlin-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).

Acht Wildbienenarten, die in Berlin besonders auffallen

Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Berlin entweder ökologisch besonders prägend oder im Stadtraum gut zu beobachten sind. Jede Art verlinkt auf ihren ausführlichen Steckbrief mit Verwechslungs­tabelle, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen.

1. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis

Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels und der typische erste Erfolg jeder Nisthilfe auf dem Berliner Balkon. Flugzeit März bis Anfang Juni, 10–12 mm, Weibchen rostbraun behaart, verschließt die Niströhren mit Lehm. Generalistisch, friedlich, im ganzen Stadtgebiet verbreitet. Steckbrief Rote Mauerbiene.

2. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea

Die größte heimische Biene, bis 28 mm. Schwarz mit violett schimmernden Flügeln, nicht zu übersehen. Profitiert vom wärmeren Stadtklima und ist in Berlin heute regelmäßig in Parks und Gärten zu beobachten. Flugzeit ab Februar/März, nistet in Totholz. Steckbrief Holzbiene.

3. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva

Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». 12–14 mm, Weibchen leuchtend fuchsrot behaart auf Thorax und Hinterleib. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Berliner Pflasterritzen. Häufig an Obstblüten, Johannisbeeren und Stachelbeeren. März bis Mai. Steckbrief Fuchsrote Sandbiene.

4. Gemeine Pelzbiene — Anthophora plumipes

14–15 mm, pelzig wie eine kleine Hummel und einer der frühesten Flieger des Jahres (ab März). Schwirrt im Suchflug an Lungenkraut und Lerchensporn. Nistet in Steilwänden, Lehmfugen und Sandstellen — im Berliner Stadtraum an alten Mauern und Böschungen zu finden. Steckbrief Pelzbiene.

5. Langhornbiene — Eucera longicornis

Die Männchen mit körperlangen Fühlern sind im Mai/Juni kaum zu übersehen. Strikte Pollenspezialistin an Schmetterlingsblütlern (Wicken, Platterbsen, Klee) — und damit stark abhängig von extensiv genutzten, blütenreichen Trockenrasen, wie sie Berlins Brachen bieten. Steckbrief Langhornbiene.

6. Garten-Wollbiene — Anthidium manicatum

11–18 mm, schwarz mit gelben Seitenflecken (oft mit Wespen verwechselt). Männchen verteidigen Blüten aggressiv gegen andere Wildbienen — eines der wenigen territorialen Verhalten unter Wildbienen. Die Weibchen schaben Pflanzenhaare ab, um Brutzellen auszupolstern («Wolle»). Juni bis September, im Stadtgrün gut zu beobachten. Steckbrief Garten-Wollbiene.

7. Gelbbinden-Furchenbiene — Halictus scabiosae

Mittelgroße Furchenbiene mit auffällig breiter heller Binde am ersten Hinterleibssegment. Eine wärmeliebende Art, die sich in den letzten Jahrzehnten nach Norden ausbreitet und in Berlins warmen Brachen und Trockenrasen gute Bedingungen findet — ein lebendes Beispiel für den Klimagewinner unter den Wildbienen. Steckbrief Gelbbinden-Furchenbiene.

8. Efeu-Seidenbiene — Colletes hederae

Der späteste Flieger des Jahres: September bis Oktober, fast ausschließlich am blühenden Efeu. Nistet in großen Kolonien in sandigem Boden — an Berliner Böschungen und Bahnflächen oft in Hunderten beieinander. Wer im Oktober summende Efeuhecken sieht, beobachtet diese Art. Steckbrief Efeu-Seidenbiene.

Das vollständige kuratierte Artenverzeichnis mit allen Familien findest du im Arten-Hub.

Was du konkret tun kannst

In einem Stadtstaat zählt jeder Quadratmeter Balkon, Hof und Vorgarten. Die folgenden vier Maßnahmen sind nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit geordnet:

  1. Offene Sandstellen schaffen. Da zwei Drittel der Arten im Boden nisten, ist eine offene Sandlinse die wirksamste Einzelmaßnahme — auf dem Balkon genügt ein flacher Kasten mit ungewaschenem Sand. Die Sandarium-Anleitung zeigt den Aufbau Schritt für Schritt.
  2. Pollenspezialisten gezielt versorgen. Viele der gefährdeten Berliner Arten sind Pollenspezialisten — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten.
  3. Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen). Mindestens 10 cm Bohrtiefe, besser 15–18 cm — Details in der Nisthilfen-Anleitung.
  4. Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten und auf dem Hof. Die Anleitung für Unkraut ohne Glyphosat listet wirksame mechanische und biologische Alternativen.

Wer in Berlin an Wildbienen forscht und schützt

Die wichtigsten Anlaufstellen in Berlin für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:

Was diese Seite leistet — und was nicht

Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Region sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Berlin-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.

Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Holzbiene oder Langhornbiene — die Steckbriefe pro Art mit Verwechslungs­tabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen sind über den Arten-Hub erreichbar.