Wildbienen in Baden-Württemberg: 493 Arten, fast jede zweite gefährdet
In Baden-Württemberg sind 493 Wildbienenarten dauerhaft etabliert — bei rund 580 Arten bundesweit also ein erheblicher Teil der nationalen Vielfalt. Das Land hat dabei eine Besonderheit, die kaum eine andere Region Deutschlands aufweist: den Kaiserstuhl, mit 385 Arten die wildbienenreichste Region Deutschlands. Diese Zahlen klingen reich — bis du die Rote Liste anschaust: fast jede zweite Art ist in ihrem Bestand gefährdet, der Anteil der vom Aussterben bedrohten Arten hat sich seit 2000 fast verdoppelt. Diese Seite ist die Bestandsaufnahme: welche Arten vorkommen, wo sie leben, was sie bedroht — und was konkret im Garten oder auf dem Balkon hilft.
Wie viele Wildbienenarten leben in Baden-Württemberg?
Stand der derzeit gültigen Roten Liste (LUBW, 4. Fassung, veröffentlicht 2025, Datenstand 31.12.2023): 493 etablierte Wildbienenarten. Diese Zahl ist keine Schätzung — sie beruht auf über 300.000 Einzelnachweisen, einer gegenüber der Vorgänger-Liste von 2000 massiv verbesserten Datengrundlage. Den Löwenanteil dieser Nachweise hat das Wildbienen-Kataster am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart zusammengetragen, dessen Datenbank Stand September 2024 rund 350.000 Datensätze umfasst.
Die 493 Arten verteilen sich auf sechs Bienenfamilien. Die größte sind die Apidae (Echte Bienen, inklusive Hummeln), gefolgt von den Sandbienen (Andrenidae), Mauer- und Blattschneiderbienen (Megachilidae), Furchenbienen (Halictidae), Seidenbienen (Colletidae) und den seltenen Sägehornbienen (Melittidae). Die in Australien endemische Familie Stenotritidae kommt in Baden-Württemberg naturgemäß nicht vor.
Diese Vielfalt ist im Land sehr ungleich verteilt: warme Lösshänge und Trockenstandorte am Oberrhein beherbergen ein Vielfaches der Arten, die auf intensiv genutztem Ackerland überhaupt noch vorkommen. Der Kaiserstuhl allein bringt es auf 385 Arten — die Vielfalt ist also weniger eine Frage der Geografie als der Landnutzung und des Klimas.
Wer ist gefährdet — und warum fast die Hälfte
Die aktualisierte Rote Liste fällt ein deutliches Urteil: fast jede zweite Wildbienenart in Baden-Württemberg ist in ihrem Bestand gefährdet. Die wenigen belastbar belegten Kennzahlen aus der LUBW-Auswertung:
- 6,9 % der Arten — ausgestorben oder verschollen, also seit Jahrzehnten kein Nachweis
- 16,3 % der Arten — vom Aussterben bedroht (gegenüber 8,3 % im Jahr 2000 — eine nahezu Verdopplung in gut zwei Jahrzehnten)
- insgesamt fast 50 % der Arten stehen in einer Gefährdungskategorie der Roten Liste
Die Verdopplung des Anteils der vom Aussterben bedrohten Arten ist der eigentlich alarmierende Befund — sie zeigt, dass die Lage sich nicht stabilisiert, sondern weiter verschärft hat. Die Ursachen sind nicht spekulativ, sondern systematisch erfasst: fortschreitender Flächenverbrauch, intensive Landwirtschaft mit Pestiziden und Überdüngung, Verfüllung von Sand- und Lehmgruben, Entfernung von morschem Holz aus der Landschaft, Versiegelung urbaner Brachflächen. Keine einzelne Ursache erklärt den Rückgang — es ist die Kumulation.
Eine Zahl, die die wirtschaftliche Dimension einordnet: der jährliche Geldwert der Bestäubungsleistung in Deutschland wird auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt — und Wildbienen tragen einen erheblichen Anteil daran, weil sie viele Pflanzen besser bestäuben als die Honigbiene (Mauerbienen z.B. sind pro Individuum um ein Vielfaches effektiver bei der Apfelblüte).
Wo leben Wildbienen in Baden-Württemberg?
Rund drei Viertel aller Wildbienenarten nisten im Boden. Das ist die wichtigste Erkenntnis für jede Schutz- oder Förderungsmaßnahme — eine Wildblumenwiese ohne offene, sandige oder lehmige Bodenstellen ist nur die halbe Lösung. Die übrigen Arten nisten in Pflanzenhalmen, Mauerritzen, Schneckenhäusern, alten Käferfraßgängen in morschem Holz oder in selbstgebauten Lehmnestern an Steilwänden — gerade die Lösswände am Oberrhein sind dafür ideale Strukturen.
Die für Wildbienen wertvollsten Lebensräume in Baden-Württemberg sind:
- Kaiserstuhl — mit 385 Arten die wildbienenreichste Region Deutschlands; sonnenexponierte Lösshänge, Trockenrasen und Weinbergsbrachen mit zahlreichen seltenen Spezialisten
- Tuniberg und Oberrheinebene — wärmebegünstigte Sand- und Trockenrasen, Lössterrassen und wechseltrockene Standorte für wärmeliebende Sand- und Furchenbienen
- Wacholderheiden der Schwäbischen Alb — Kalkmagerrasen aus historischer Schafbeweidung, blütenreich und für viele Pollenspezialisten unverzichtbar
- Streuobstwiesen — in Baden-Württemberg ein landschaftsprägendes Element mit kombiniertem Blüten- und Totholzangebot
- Naturschutzgebiete — sie bedecken nur rund 2,5 % der Landesfläche, beherbergen aber einen überproportionalen Anteil der gefährdeten Arten; eine SMNS-Untersuchung wies 14 Arten nach, deren Vorkommen sich allein dem Schutzstatus zuschreiben lässt
- Garten- und Siedlungsraum — überraschend artenreich, wenn auch nur Teilersatz für die verlorenen Naturlebensräume
Konkrete Funde pro Gemeinde — von Freiburg über Stuttgart bis Konstanz — sind im Baden-Württemberg-Dashboard direkt abrufbar (Datenquelle: GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist).
Fünf Wildbienenarten, die in Baden-Württemberg besonders auffallen
Die folgende Auswahl ist nicht «die häufigsten» und nicht «die seltensten» — es sind Arten, die in Baden-Württemberg entweder ökologisch besonders prägend oder im Siedlungsraum gut zu beobachten sind. Jede verlinkte Art hat einen eigenen Steckbrief mit Verwechslungstabelle, Live-Phänologie und Quellen.
1. Rote Mauerbiene — Osmia bicornis
Häufigste Bewohnerin der Insektenhotels. Flugzeit ab März, rostbraun behaart, verschließt ihre Niströhren mit Lehm. Die «Hummel unter den Solitärbienen» — generalistisch, friedlich, und der erste Erfolg jeder Insektenhotel-Bemühung. In Baden-Württemberg flächendeckend. Steckbrief
2. Blauschwarze Holzbiene — Xylocopa violacea
Die größte heimische Biene, blauschwarz mit violett schimmernden Flügeln. Eine Wärmeprofiteurin — im milden Oberrheingraben und am Kaiserstuhl längst etabliert und von dort weiter ins Land vorgedrungen. Nistet in Totholz, Flugzeit früh im Jahr bis in den Herbst. Steckbrief
3. Fuchsrote Sandbiene — Andrena fulva
Die «Frühlingsbiene des Vorgartens». Weibchen leuchtend fuchsrot behaart auf Thorax und Hinterleib. Nistet einzeln in nackten, sandigen Bodenstellen — auch zwischen Pflasterritzen. Häufig bei Stachelbeeren, Johannisbeeren und Obstblüten. Früher Frühjahrsflieger. Steckbrief
4. Gelbbinden-Furchenbiene — Halictus scabiosae
Eine südliche Art, deren Areal sich mit dem milder werdenden Klima nordwärts ausdehnt — am Oberrhein und in den wärmebegünstigten Lagen Baden-Württembergs gut zu finden. Kennzeichen: die erste Hinterleibsbinde ist deutlich breiter als die folgenden. Bildet bemerkenswerte Gemeinschaftsnester. Steckbrief
5. Hosenbiene — Dasypoda hirtipes
Unverkennbar: die Weibchen tragen an den Hinterbeinen riesige orange Sammelbürsten, die «Hosen». Eine Art der warmen Sandhabitate — am Oberrhein und auf sandigen Offenflächen zu Hause. Pollenspezialistin an gelben Korbblütlern, fliegt spät im Sommer. Steckbrief
Weitere Arten mit eigenständigem Steckbrief findest du im Arten-Hub — sortiert nach den sechs heimischen Bienenfamilien.
Was du konkret tun kannst
Die folgenden vier Maßnahmen sind nach dem Stand der Roten-Liste-Auswertung die wirksamsten, geordnet nach Wirkungsgrad pro Aufwandseinheit:
- Offene Bodenstellen schaffen. Rund drei Viertel der Arten nisten im Boden. Eine Sandlinse von 50 × 50 cm besiedeln Sandbienen innerhalb einer Saison — ohne weitere Maßnahme. Der häufigste Fehler im Wildbienengarten ist «zu sauber» — siehe die DIY-Anleitung Sandarium für den Boden-Teil, der oft fehlt.
- Pollenspezialisten gezielt versorgen. Ein erheblicher Teil der gefährdeten Arten sind Pollenspezialisten — sie benötigen eine bestimmte Pflanzenfamilie und ignorieren alles andere. Der Wildblumen-Streifen-Guide listet die wichtigsten heimischen Trachten.
- Nisthilfen biologisch korrekt bauen. Die meisten gekauften Insektenhotels sind ökologisch wirkungslos oder schädlich (falsche Lochdurchmesser, splitternde Bohrungen, zu trockenes Material). Die Nisthilfen-Anleitung zeigt, was funktioniert.
- Auf Glyphosat verzichten. Auch im Privatgarten. Die Übersicht der Alternativen zu Glyphosat listet wirksame mechanische und biologische Methoden.
Wer in Baden-Württemberg an Wildbienen forscht und schützt
Die wichtigsten Anlaufstellen für vertiefende Information, Meldung von Funden oder Mitarbeit:
- LUBW (Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg) — gibt die Rote Liste heraus und ist die zuständige Landesbehörde für Naturschutz und Artenmonitoring.
- Wildbienen-Kataster am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart (SMNS) — 2003 gegründet, trägt mit ehrenamtlicher Erfassung die zentrale Wildbienen-Datenbank des Landes (rund 350.000 Datensätze) und liefert die Datengrundlage der Roten Liste.
- NABU Baden-Württemberg — größter Naturschutzverband im Land, viele lokale Gruppen, gute Einstiegspunkte zum Mitmachen und Melden.
- BUND Baden-Württemberg — kampagnenfähig, mit Landesarbeitskreisen und lokalen Ortsgruppen.
Was diese Seite leistet — und was nicht
Diese Seite ist die schriftliche Zusammenfassung. Wenn du konkrete Funde in deiner Gemeinde sehen willst — wie viele Arten dokumentiert sind, welche Phänologie-Fenster gerade offen sind, welche Schutzgebiete in Reichweite liegen — geh ins Baden-Württemberg-Dashboard. Die Daten dort kommen direkt aus GBIF, NABU naturgucker, iNaturalist und der DWD-Phänologie — keine Schätzungen, keine Aggregat-Pseudo-Statistik.
Wenn du an einer bestimmten Art interessiert bist — etwa der oben erwähnten Holzbiene oder Hosenbiene — die Sedcards pro Art mit Verwechslungstabellen, Live-Phänologie und wissenschaftlichen Quellen erreichst du über den Arten-Hub.